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Schuldverschiebung
Guten Morgen, liebe Hörerin, lieber Hörer, Ich war das nicht!, ruft der eine. Ich auch nicht!, die andere. Ich schaue in den Kühlschrank und keiner will´s gewesen sein,
der die letzte Milch für meinen Kaffee ausgetrunken hat. Und nichts steht auf der Einkaufsliste... Klar, rufe ich, das war sicher José. Dabei müssen Sie wissen: José lebt in Panama und hat eine Zeit lang bei uns als Austauschschüler gelebt, aber das ist schon Jahre her. Immer wenn jetzt bei uns zu Hause mal wieder keiner die Verantwortung für etwas übernehmen will, dann muss der arme José herhalten. Und wenn sein Name fällt, dann ist allen klar, dass sich in Wahrheit gerade irgendjemand in unserer Familie aus der Verantwortung stiehlt.
Schuldverschiebung kann man das nennen. Das Leugnen der eigenen Verantwortung für eine Handlung. Das geht uns immer ganz schnell über die Lippen. Kinder können das früh, und dann ist es für uns noch eher witzig: Wenn sie unachtsam gegen die Tischkante laufen und schimpfen: Du blöder Tisch. Und auch wir Erwachsenen können das gut: Wir fahren zu schnell, werden geblitzt und schimpfen: Warum mussten die das Radargerät ausgerechnet an dieser sinnlosen Stelle aufstellen.
Schuld sind immer die anderen. Ein wunderbar einfaches Prinzip, das sich überall und schnell umsetzen lässt. Anderen die Schuld zu geben, scheint eine zutiefst menschliche Verhaltensweise zu sein. Eine Verhaltensweise, von der uns schon am Anfang der Bibel berichtet wird.
Adam und Eva hatten im Paradies ein beschauliches, friedliches, eben paradiesisches Leben. Bis sie gegen das ausdrückliche Verbot Gottes den Apfel vom Baum der Erkenntnis essen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Adam und Eva schon während sie den Apfel aßen, wussten, dass sie etwas Falsches taten. Aber darüber verloren sie kein Wort. Als Gott nach ihnen sieht, verstecken sie sich nun vor Scham. Denn durch den Genuss des Apfels war ihnen bewusst geworden: Wir sind ja nackt! Gott spricht sie an, wohl wissend, dass die beiden sein Gebot übertreten haben.
Und was machen die Beiden? Sie stehen nicht zu ihrem Vergehen. Stattdessen: Schuldverschiebung! Sie weisen die Schuld jeweils von sich und auf den anderen. Nicht ich war´s, sondern das Weib..., sagt der Mann. Und er setzt sogar noch einen drauf: Er schiebt Gott selbst eine Teilschuld zu, denn er sagt: Das Weib, das DU mir gegeben hast, hat mich verführt. Scheinbar erinnert sich Adam nicht mehr daran, wie freudig er sein Weib zuvor von Gott empfangen hatte.
Und die Frau. Nicht ich, sondern die Schlange, sagt die Frau.
Keiner will gewesen sein. Eva war´s, die Schlange war´s.
Ich frage mich, wie es wohl gelaufen wäre, wenn Adam und Eva gemeinsam zu ihrem Vergehen gestanden hätten. Wenn sie Gott direkt gesagt hätten: Du, wir haben da etwas gemacht, was wir nicht hätten tun sollen. Wir haben dein Gebot übertreten und doch vom Baum der Erkenntnis genascht. Wir wissen, dass wir das nicht hätten tun sollen. Es tut uns leid. Wir können es nicht mehr rückgängig machen. Leider! Wir bitten dich um Verzeihung!
Was wäre dann wohl geschehen? Vielleicht hätten wir Menschen einfach im Paradies bleiben können. Denn vielleicht war die Sünde damals gar nicht die, dass Adam und Eva vom Baum der Erkenntnis aßen. Sondern vielleicht hat Gott es besonders gewurmt, dass keiner von beiden die Verantwortung für sein verbotenes und falsches Handeln übernommen hat. Vielleicht hat ja die Schuldverschiebung von Adam und Eva uns Menschen das ewige Paradies gekostet. Ein bisschen Paradies aber gibt es für mich noch: Ich finde es immer paradiesisch, wenn ich auf die Frage: Wer war das? höre. Ich. Tut mir leid.
Einen paradiesischen Montag wünscht Ihnen Claudia Kiehn, Pfarrerin aus Wuppertal!
Schuldverschiebung
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