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Im Auge des Betrachters
Dieser unschöne, weiße Kalkfleck unter der Decke musste unbedingt weg. Sie holte eine Leiter und begann mit großem Eifer den Fleck zu bearbeiten,
so wie man es sich von einer Putzkraft wünscht. Das Problem: Der Ort des Geschehens war ein Museum und der Fleck war von dem Künstler Martin Kippenberger mit Absicht genau da platziert worden. Ist das Kunst oder kann das weg?« diese Frage hatte sich die Raumpflegerin selbst beantwortet. Aber es gab einige weitere Vorfälle dieser Art. Das berühmteste Putzergebnis ist wohl Fettecke von Joseph Beuys, die 1986 dem tatkräftigen Einsatz eines Hausmeisters in der Düsseldorfer Kunstakademie zum Opfer fiel. Ähnlich erging es dem Künstler Gustav Metzger: Eine tatkräftige Putzfrau entsorgte 2004 in der Londoner Nationalgalerie Tate Britain kurzerhand sein gesamtes Kunstwerk, eine mit Papier vollgestopfte Plastiktüte, die vor einem Gemälde lag.
Zeitgenössische Kunst ist oft nicht auf den ersten Blick als Kunst erkennbar, sondern liegt im Auge des Betrachters. Die Erwartungshaltung scheint entscheidend. Die Besucherin einer Ausstellung für moderne Kunst in Paris studierte eingehend die Erklärungen, die neben den Bildern und Objekten angebracht waren. Als sie dann vor einem weiß bemalten Metallgitter stand, dass sie durch seine Schnörkellosigkeit beeindruckte, suchte sie vergebens nach dem Titel und dem Künstler. Kein Wunder, denn, es handelte sich um die schlichte Verkleidung einer Heizung.
Was ist Kunst? Liegt das nur im Auge des Betrachters? Viele werden sich das auch wieder in den vergangenen Wochen in Auseinandersetzung mit der Documenta gefragt haben. Alle fünf Jahre gibts diese mittlerweile bedeutendste Ausstellung für Gegenwartskunst in Kassel. Für die kunstinteressierten Besucher der Documenta ist das klar, auch wenn bei manchen Objekten die Unterscheidung zwischen Kunst und Natur kaum möglich ist. Doch wenn ich vorher weiß, dass es Kunst ist, löst sie in mir etwas aus. Es hängt entscheidend von meinem Vorverständnis ab, von meiner Erwartung, meiner Meinung, meiner Offenheit.
In gewisser Weise ist das mit den Morgenandachten ganz ähnlich. Warum hören sie mir zu, mit welcher Erwartung folgen sie meinen Worten? Möchten sie getröstet werden, gestärkt oder inspiriert ermahnt oder bestärkt in ihrer Meinung über die Kirche? Die Wirkung hängt entscheidend von unseren Erwartungen ab. Manchmal reicht ein Satz, ein Gedanke, der uns aufbaut, unser Selbstbewusstsein stärkt. Wir müssen nur daran glauben, dass beim Zuhören etwas Gutes passiert. Diese drei Minuten am Morgen, haben für jeden Einzelnen Potenzial. Minuten in denen jedem von uns zugesprochen wird, warum es gut ist, dass wir auf der Welt sind und sich jemand etwas dabei gedacht hat, uns auf der Erde zu haben. Wir hören, dass dieser jemand Gott uns liebt und wir mit göttlicher Unterstützung in den neuen Tag gehen können. So wie auch heute.
Im Auge des Betrachters
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