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Träum nur!
Träum nicht!, sagt die Lehrerin zu dem Jungen, der mit weit geöffneten Augen vor sich hinstarrt. Der fühlt sich ertappt.
Die andern sind schon längst in ihre Rechenaufgaben vertieft. Es geht auf Zeit. Wie viele Aufgaben sind zu schaffen? Doch dieser Junge nimmt sich eine kleine Flucht und träumte sich wer weiß wohin.
Jeder kennt diese Tagträume. Einmal abschweifen ins Land der Fantasie. Was wäre, wenn ich tatsächlich den Jackpott knacke? Welchen Wunsch würde ich mir zuerst erfüllen? Die Dachwohnung in Berlin, das Traumauto, das kleine Haus am Strand? Oder doch lieber eine Stiftung gründen? Etwas Eigenes auf die Beine stellen, wofür man richtig Geld braucht? Dann das plötzliche Erwachen: Der Jackpott wird nicht kommen, und eigentlich gehts mir doch ganz gut. Ein andermal geht die Reise woanders hin: Wie wäre wohl das Leben mit dieser anderen Frau? Tiefe Blicke bei Kerzenschein, erzählen, lachen, sich verstehen. Wunderbar. Dann auch hier ein Ruck: Huch, nein, im ernst würde ich das gar nicht wollen. Ich bin ja glücklich, sehr sogar.
Wer seine innersten Wünsche so spazieren führt, befindet sich in einem geistigen Modus, den die meisten immer noch unterschätzen: dem Tagtraum. Der ist manchmal angenehm, manchmal beruhigend, manchmal auch peinlich. Macht ja nichts, muss ja keiner wissen. Solche Tagträume erzählen von tiefen Wünschen und Sehnsüchten oder auch von unge-lösten Fragen und Konflikten. Sie zeigen uns, was wir vom Leben erhoffen und erwarten. Wer mit offenen Augen träumt, ist ganz bei sich selbst. Es ist eine kleine Flucht nach in-nen. Dann geht es nicht um Arbeit und Aufträge, die zu bewältigen sind, auch nicht um Freizeit, Wellness oder Geselligkeit, sondern um einen Besuch in unserer Innenwelt, einer Welt der Bilder, Vorstellungen und Wünsche. Wenn wir tagträumen und fantasieren, sind wir ganz bei uns selbst. Was soll daran schlecht sein? Das hält zum Beispiel die Gefühle im Gleichgewicht. Wenn die Welt da draußen uns kränkt oder ärgert oder wütend macht, dann können die kleinen Fluchten uns beruhigen, trösten oder einfach nur erfreuen. So kommt mancher leichter wieder auf Normaltemperatur, als wenn er oder sie sofort die Auseinandersetzung in der Wirklichkeit gesucht hätte. Die kann dann immer noch folgen. Aber alles geschieht dann schon viel entspannter.
Draußen heißt es oft: Pass auf, bleib dran, träum nicht! Wie schade. Ich finde, ab und zu muss es heißen: Träum nur! Ich glaube, wir brauchen den Rückzug in die Innenwelt heute sogar mehr den je. Denn das Leben da draußen fordert immer mehr. Die ständige Er-reichbarkeit, die Ablenkung durch immer neue Medien, die Jagd nach Anerkennung und neuen Reizen. Alles spielt sich außen ab, an der Oberfläche. Deshalb erlaube ich mir die Flucht nach Innen sehr gern und sage einfach: Träum nur! So kommen die Gefühle ins Gleichgewicht und ich immer wieder zu mir selbst.
Die Bibel erzählt, wie Jakob träumt. Er ist ziemlich unter Druck. In seinem Leben war man-ches schief gelaufen. Es gab Auseinandersetzungen mit seiner Familie, ungelöste Konflikte. Er sorgt sich auch, wie Gott sein Leben wohl ansieht. Jakob träumt von einer Leiter, die Himmel und Erde verbindet. Engel gehen auf und ab. Eine Vision? Ein Tagtraum? Wer weiß das schon so genau? In diesem Traum spricht Gott zu ihm und sagt: Ich will dich nicht verlassen. Ich bin mit dir und will dich behüten, wohin du auch gehst (Gen 28,15).
Als Jakob wieder zu sich kommt, spürt er genau, dass alles gut wird. Jakob kommt zu sich selbst und sogar zu Gott, ganz einfach weil er geträumt hat.
Ich erlaub sie mir, die Tagträume. Wer weiß, wohin sie mich führen.
Träum nur!
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