| |
Hallo Angst!
Es ist dunkel. Vorsichtig setze ich einen Fuß vor den anderen. Stufe für Stufe gehe ich hinunter. Die Luft ist feucht, es riecht moderig.
Unten taste ich nach dem alten Lichtschalter. Endlich Licht im Keller. Es sieht fast so aus wie früher. Nur die Einmachgläser meiner Großmutter stehen heute nicht mehr da, wo sie damals waren. Das alte Regal ist wohl noch hier und die alten Gefühle erkenne ich auch wieder.
Als ich Kind war, war der Keller ein Ort der Angst. Wehe, ich musste etwas raufholen. Zum Beispiel ein Glas Marmelade. Jedes Mal bekam ich weiche Knie. Was, wenn da unten jemand lauerte? Im Licht griff ich dann sofort zu einem Glas und rannte blitzschnell wieder nach oben. Wenn ich es geschafft hatte, fühlte ich mich mutig und stark. Auch das weiß ich noch ganz genau. Ich kann es geradezu fühlen. Offenbar habe ich schon als Kind genau gespürt, dass es wenig Sinn hat, die Angst zu meiden und einfach nie in den Keller zu gehen. Indem ich ging, konnte ich mich der Angst stellen und behielt die Oberhand.
Gut gemacht, würden Psychologen heute sagen. Den Menschen, die viel mit Ängsten zu tun haben, versuchen sie zu erklären, dass nicht die Angst das Problem ist, sondern die Angst vor der Angst. Man kann geradezu üben, dieses ängstliche Gefühl anzunehmen und seine guten Seiten zu erkennen. Denn: Ein Leben ohne Angst gibt es nicht. Sie gehört einfach dazu. Zum Beispiel, wenn im Kinderzimmer eine Spinne an der Wand sitzt. Dann werden Vater oder Mutter gerufen, dass sie helfen sollen. Alle sind erleichtert wenn die Spinne gefangen ist und ins Freie Befördert wird. Oder: Die Schülerband hat ihren großen Auftritt. Die Gruppe hat geprobt bis zum Umfallen. Jetzt ist der Moment da. Eltern, Geschwister, Lehrer die ganze Aula ist voll besetzt. Die Sängerin greift noch einmal zu den Rescue-Tropfen. Die sollen beruhigen. Als der Schlussakkord einsetzt und der Applaus anhebt, spüren alle: Wir haben es geschafft! Ein gutes Gefühl.
Ohne Ängste ist das Leben nicht zu haben. Die Angst, etwas nicht zu schaffen und zu versagen; die Angst, zurück gewiesen zu werden; die Angst vor einem schwierigen Gespräch, vor der alles entscheidenden Frage. Experten sprechen bereits von einem Zeitalter der Angst. Manche machen den immer stärkeren Leistungsdruck im Beruf dafür verantwortlich, andere sehen einen Grund dafür in einem immer schwächer werdenden sozialen Zusammenhalt. Wieder andere meinen, dass fehlender religiöser Halt für tiefer gehende Ängste verantwortlich ist. Bleibt die Frage, wie damit umgehen?
Die Kinder rufen nach Vater oder Mutter, klar. Oder sie üben und sagen sich: Ich schaffe das. Und die Erwachsenen? Das mit dem Üben ist immer noch ein guter Weg. Warum nicht das schwierige Gespräch im Geiste schon mal durchgehen und vorwegnehmen, was der andere wohl sagen wird. Dann sind alle Gedanken und Stimmungen nicht mehr so neu, sondern schon bekannt. Oder die ängstlichen Gefühle als alte Bekannte begrüßen: Hallo Angst, auch schon wieder hier? So lässt sich mit etwas Abstand und Humor viel leichter annehmen, was ohnehin da ist.
Mir hilft in jedem Fall, wenn ich jemanden finde, mit dem ich reden kann. Über den Stress, auf dem die Ängste trefflich gedeihen, über Gefühle, die ich lange verborgen hielt, über Veränderungen, die vielleicht wirklich anstehen. Wer weiß, was die Ängste zu erzählen haben, und wie ich daran wachsen kann. Manchmal, wenn es wirklich tief geht, versuche ich auch, zu beten. Denn ich weiß, Gott ist auch noch da. Er sagt: Hab keine Angst, ich bin bei dir. Lauf nicht weg, ich bin dein Gott (nach Jes 41,10). Das stärkt mich. Es gibt mir das sichere Gefühl, es zu schaffen.
Hallo Angst!
|