Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

20.08.12; Claudia Maier

Real vs. Virtuell

Bei der Beerdigung klingelt das erste Handy nach fünf Minuten. Ein Mann sucht das klingelnde Ding in seiner Tasche und flüstert energisch in das Handy.

Während der Predigt vibriert ein zweites. Die Pfarrerin sagt gerade, dass der Verstorbene immer ein offenes Ohr für alle hatte. Ihre Predigt kann man auf einer Art riesen-IPad vorne mitlesen, in Sprechpausen blinken Fotos des Verstorbenen auf. Die meisten Trauergäste sehen es nicht. Sie spielen am eigenen Smartphone rum, beantworten Mails bis endlich der Segen gesprochen wird.

So könnte bald die Welt aussehen, wenn eine Kommunikationswissenschaftlerin aus den USA recht hat. Die geht davon aus, dass Menschen bald nicht mehr unterscheiden können: Was ist jetzt wichtig, die aktuelle reale Situation oder die Kommunikation im Netz.

Was für ein Quatsch, dachte ich, als ich das gelesen habe. Mir könnte das nicht passieren. Aber als dann  eine Freundin vor mir saß und davon erzählt hat, dass ihre Mutter schwer krank ist, vibrierte mein Telefon in der Tasche. Und ich habe mich gefragt, wer da wohl anruft und worum es geht. Es einfach nicht zu beachten, das ist gar nicht so leicht.

Seitdem mache ich mein Handy zumindest bei manchen Verabredungen aus. Und ich mag Orte, an denen alle ihr Telefon ausschalten. Das kann ein Kino sein, ein Konzertsaal oder eben eine Kirche. Orte, in denen es ums Jetzt geht.

Sprecherin: Alexa Christ

Audiobeitrag Real vs. Virtuell


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