Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

12.08.12; Bettina von Clausewitz

Wundersame Heilung

Autorin: Der 45. Geburtstag ist ein Tag zum Feiern: Freunde einladen oder eine Städtetour machen, Berlin oder Paris vielleicht. Man ist nicht mehr jung und noch nicht alt.

Zeit zum Bilanzieren und zum Pläne machen. Normalerweise. Für Brigitte Holland jedoch, Sozialpädagogin in einer evangelischen Gemeinde in Essen, war der 45. eine bittere Zäsur - und der Tag, den sie heute als Neuanfang sieht. Obwohl sie damals im November 2010 die Diagnose „Magenkrebs“ erhielt, ein Tumor so groß, dass nicht operiert werden konnte. Kurz zuvor hatte ein Traum sie auf diese Diagnose vorbereitet, während einer Jugendfreizeit im christlichen Zentrum Taizé:

O-Ton: Da weinte ein Kind ganz, ganz fürchterlich. Ich hab das dann gesucht und das war ein Säugling, ein Kleinkind, das war extrem verhungert und verwahrlost. Dann habe ich das da aus diesem Schilf rausgeholt und dann hat es so ganz empört zu mir gesagt: „Warum kümmerst du dich jetzt um mich, du hast es jahrlang nicht getan?“ Ich hab das dann im Nachhinein als mein Seelenkind interpretiert. So gesehen habe ich dann, als die Diagnose kam, gedacht: Ach, guck mal an, jetzt geht’s rund, jetzt wird’s Zeit viel neu zu sortieren.

Autorin: Eine verblüffende Nüchternheit, viel Lebenswille und keine Spur von Selbstmitleid, wenn Brigitte Holland von dieser Zeit vor knapp zwei Jahren erzählt. Schlank und blond in einem bunten Sommerkleid sitzt sie da, der dichte Pony fällt fast bis zum Rand der Brille, durch die sie auf ein Meer von Blumen auf ihrem Balkon in der Essener Innenstadt blickt. Und auf den Laptop mit ihren Lieblingsliedern aus Taizé. Dass sie noch lebt, hält sie selbst für erstaunlich.

Musik: Magnificat (Taize-Version)

O-Ton: In so kurzer Zeit und ohne OP und ohne den ganzen Krams ist das sicherlich ein Wunder. Die Onkologin sagt, sie hätte den Fall dann mal auf einem Magensymposium vorgestellt, das ist schon relativ selten.

Autorin: Medizin und Spiritualität - 18 Chemotherapien und mehrere alte, christliche Heilungsrituale zusammen mit einer Pfarrerin, ihren beiden großen Töchtern und zwei Freundinnen - für Brigitte Holland ist es diese Kombination, die sie geheilt hat. Begleitet von vielen Gebeten von Menschen aus der Familie, dem Freundeskreis und ihrer Kirchengemeinde.

O-Ton: Ich denke mal, das ist ein Problem von Protestantismus, dass wir viel zu lange verkopft waren. Diese ganzen alten Heilungszeremonien, die sind alle im Alten Testament auch beschrieben. Heilung hat immer wieder im christlichen und jüdischen Raum stattgefunden, das ist was ganz Normales. Wir haben es, denke ich mal, nur sehr der Wissenschaft auch geopfert. 

Autorin: „Gott heilt, die zerbrochenen Herzens sind, und verbindet ihre Wunden“, heißt der biblische Monatsspruch aus Psalm 147 für den August. Beides hängt eng zusammen - Körper und Seele. Brigitte Holland hat erlebt, dass die Krankheit ihre Ängste fortgespült hat. Geblieben ist das Gefühl der Geborgenheit, egal was passiert. Von Anfang an hat sie die Erkrankung als Chance zum Neuanfang gesehen: Mehr für sich selber tun, häufiger mal „Nein“ sagen - und ein paar Träume erfüllen:

O-Ton: Ich hab’ meinen Abi -Traum erfüllt (lacht). Ich wollte nach dem Abi einmal quer durch Europa fahren, aber da war ich arbeiten, ich bin ja viel arbeiten gewesen in meinem Leben. Und letztes Jahr nach der Anschlussheilbehandlung bin ich dann mit meiner jüngeren Tochter quer durch Frankreich gefahren 19 Tage lang, ich bin dann Kanu gefahren und habe alle Sachen gemacht, die ich eigentlich mit 19 machen wollte, als ich arbeiten gegangen bin.

Musik: Magnificat (canon), Track 15 (3:14) von CD Chants de la prière à Taizé, 1998. Label: Taizé, Copyright: (c) Ateliers et Presses de Taizé, RP Books Code: 110274, ISBN: T560.


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