| |
Gott ist leicht und hat Ecken
Guten Morgen, liebe Hörerin, lieber Hörer!Auf einem Regal in unserer Küche steht eine kleine Figur aus Ton.
Unser Sohn Steffen hat sie vor vielen Jahren während einer Konfirmandenfreizeit angefertigt, die meine Frau und ich geleitetet haben.
Es ist neun Uhr morgens. Siebzehn Jungen und Mädchen sitzen nach dem Frühstück im Stuhlkreis und harren mehr oder weniger interessiert der Dinge, die da kommen sollen. Einige sind erkennbar übernächtigt. Sie haben in der Nacht Musik gehört, sind über die Gänge des Freizeitheims gelaufen, haben gelacht, gestritten und wenig geschlafen. Und jetzt sollen sie arbeiten
Nachdem wir ein Lied gesungen und miteinander gebetet haben, schreibe ich das Thema des Tages an die Tafel. Vier Buchstaben nur: G-O-T-T. Über Gott wollen wir an diesem Tag nachdenken. Das ist für eine Konfirmandenfreizeit nichts Ungewöhnliches. Ungewöhnlich ist aber, was folgt: Ihr habt heute einen ganzen Tag lang Zeit, so erkläre ich den Jugendlichen, euch mit Gott zu beschäftigen. Heute Abend möchten wir ein Ergebnis sehen. Das kann ein Text sein. Eine Geschichte zum Beispiel oder ein Gebet. Wer möchte, kann ein Bild malen. Oder ihr baut etwas. Material haben wir mitgebracht, ihr könnt aber darüber hinaus benutzen, was ihr hier im Haus oder auf dem Gelände ringsum findet. Nur zerstört bitte nichts. Ihr könnt euch natürlich zusammentun. Wer will, kann auch alleine arbeiten.
Mit so viel Freiheit haben die Konfirmandinnen und Konfirmanden wohl nicht gerechnet. Jedenfalls tun sie sich zunächst etwas schwer. Aber dann platzt auf einmal der Knoten, und ich werde die folgenden Stunden nie vergessen. Die dreizehnjährigen Jungen und Mädchen verteilen sich allein oder in Gruppen über Haus und Gelände und lassen ihren schöpferischen Ideen freien Lauf. Wir erwachsenen Begleiter hören sie diskutieren: Nein, Gott ist nicht schwer. Unsere Figur muss viel leichter sein! Und hier die Ecke, die nehmen wir weg. Aber Gott hat doch manchmal Ecken, an denen man sich stößt. Warum hast du denn so dunkle Farben genommen? Na, weil ich von Gott so gut wie nichts weiß.
Genauso spannend ist, was wir zu sehen bekommen. Drei Mädchen spielen mit verschiedenen Materialien - mit Ton und gefärbten Federn - und formen daraus eine Plastik.
Unser Sohn Steffen arbeitet allein, aber auch er mit Ton. Es entsteht eine Art Säule, auf der ein Feuer lodert. In die Säule ritzt er Worte ein: Wärme, Licht, Geborgenheit und Feuer von Gott. Und Sina, die sich sonst am Unterrichtsgespräch eher wenig beteiligt, baut eine Mauer
Am Abend wird dann die Ausstellung eröffnet. Gemeinsam schauen wir jedes einzelne Kunstwerk genau an. Immer wieder erkennen die Betrachter Dinge, die der Künstler oder die Künstlerin gar nicht bewusst hat ausdrücken wollen. Mich beeindruckt, wie achtsam und respektvoll die Jugendlichen miteinander umgehen. Irgendwann frage ich: Kann das denn sein, dass Gott so verschieden, ja, so widersprüchlich ist, wie ihr ihn darstellt? Eine Konfirmandin antwortet: Warum nicht? Gott ist eben so groß, dass wir Menschen ihn nie ganz fassen können.
Liebe Hörerin, lieber Hörer, vielleicht nehmen Sie sich heute auch mal Zeit, sich mit Gott zu beschäftigen. Ich wäre gespannt zu sehen und zu hören, welche Formen und Farben, welche Gefühle und Gedanken dabei entstehen. Alle zusammen eine Ahnung von Gott der so ist und ganz anders.
Es grüßt Sie, Ihr Landessuperintendent Martin Dutzmann aus Detmold.
Gott ist leicht und hat Ecken
|