Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

10.08.12; Landessuperintendent Dr. Martin Dutzmann

Getröstet

Guten Morgen, liebe Hörerin, lieber Hörer, manchmal fragen Menschen mich nach meinem Beruf. „Ach, Pastor sind Sie? Ist das nicht furchtbar schwer?

Wenn ich mir vorstelle, ich sollte an einem Grab eine Predigt halten – nein, das könnte ich nicht! Was sagt man denn Menschen, die den Boden unter den Füßen verloren haben?“

Diese Frage lässt meine Gedanken fast dreißig Jahre zurück in die Vergangenheit wandern. Ich hatte gerade das Zweite Theologische Examen bestanden. Nun sollte ich den Pastor einer Gemeinde während seines Sommerurlaubs vertreten. Warum auch nicht? Schließlich hatte ich ja alles gelernt, was man für diesen Dienst braucht. Dachte ich.

Eines Tages ruft der Bestatter an. „Ich möchte eine Beerdigung anmelden. Ein kleines Mädchen. Sie ist an einem bösartigen Hirntumor gestorben.“ Ich bin erschrocken. Erst recht, als ich den Namen der Eltern erfahre: Sie sind der Kirchengemeinde eng verbunden, der Vater des Mädchens arbeitet im Presbyterium mit. In den Tagen bis zu meinem Besuch im Trauerhaus bin ich unruhig, und immer wieder ist da die Frage: „Was sage ich bloß? Womit kann ich Eltern trösten, die gerade ihr vierjähriges Kind verloren haben?“

„Was sage ich bloߓ Mit dieser Frage im Kopf betrete ich das Trauerhaus und erlebe - dass ich gar nichts sagen muss. Ich sitze im Wohnzimmer der trauernden Eltern und höre zu. Sie erzählen von ihrem Kind. Wie fröhlich und unkompliziert das Mädchen war. Und hübsch war sie auch. Auf dem Wohnzimmertisch liegen Fotos. Eines zeigt die Kleine lachend auf der Schaukel im elterlichen Garten, ihr Haar vom Wind zerzaust. Und dann berichten sie von den letzten Lebenstagen, als der Tod sich unübersehbar ankündigte. Gefasst sei ihr Kind gewesen, ja reif und erwachsen. Ob man wohl erst im Angesicht des Todes erwachsen wird? frage ich mich.

Nein, leicht ist dieses Gespräch nicht und es fließen viele Tränen. Wie könnte es auch anders sein? Als ich nach fast zwei Stunden das Haus verlasse, weiß ich: Ich musste gar nichts sagen, um dieses trauernde Elternpaar zu trösten. Und ich denke an die Geschichte von Hiob. Hiob hat Schreckliches erlebt. Auch er hat Kinder verloren. Nicht eins, sondern zehn: sieben Söhne und drei Töchter. Da wird er von drei Freunden besucht. Von diesem Besuch heißt es in der Bibel:

SprecherIn: „Sie saßen mit ihm auf der Erde sieben Tage und sieben Nächte und redeten nichts mit ihm; denn sie sahen, dass der Schmerz sehr groß war.“

Bei meinem Besuch im Trauerhaus hatte sich der Trost wie von selbst eingestellt. Im Schweigen. Im Erzählen. Im Weinen. Auch bei mir. Ich bin davon überzeugt, dass Gott in unserem Gespräch dabei war. Dass Gott es war, der die Eltern in ihrem Schmerz nicht im Stich gelassen hat. Und mir die Antwort auf meine Frage danach gegeben hat, was jetzt helfen kann. Einfach da sein. Den Schmerz teilen.

„Was sage ich bloß?“ So habe ich in den Jahren danach noch manches Mal gefragt. So habe ich gefragt, wenn ich Sterbezimmer und Trauerhäuser betrat. So habe ich gefragt, wenn ich Menschen begegnete, denen Schreckliches zugestoßen war. Doch dann habe ich es gemacht wie Hiobs Freunde. Sie waren zunächst einfach nur da – ohne Worte und erst recht ohne Beileidsfloskeln. Nicht selten machte ich dann dieselbe Erfahrung wie vor fast dreißig Jahren: dass mit Gottes Hilfe alle getröstet wurden.
Ich wünsche Ihnen für heute Menschen, die mit Ihnen schweigen, die zuhören, wenn Sie es brauchen.

Ihr Martin Dutzmann, Landessuperintendent aus Detmold.

Audiobeitrag Getröstet


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