| |
Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern
Guten Morgen, liebe Hörerin, lieber Hörer, Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Täglich sprechen ungezählte Menschen auf der ganzen Welt diese Worte, wenn sie gemeinsam mit anderen oder allein das Vaterunser beten.
Und vergib uns unsere Schuld. Den ersten Teil der Bitte spreche ich mit, ohne lange überlegen zu müssen. Ich weiß, dass ich anderen Menschen viel schuldig bleibe.
In den zweiten Teil der Vaterunser-Bitte einzustimmen fällt mir erheblich schwerer:
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Ich kenne mich schließlich und weiß, wie nachtragend ich oft bin. Manchmal führe ich im Streit mit anderen sogar uralte Geschichten ins Feld, um dann vorwurfsvoll festzustellen: Du hast dich überhaupt nicht geändert! Es ist doch immer wieder dasselbe mit dir.
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Damit mir das gelingt, brauche ich Vorbilder. Vorbilder wie die alte Dame, die ich vor einigen Jahren in Warschau traf. Ich begegnete ihr zufällig. Wir besuchten mit einer Delegation der Lippischen Landeskirche die evangelisch-reformierte Kirche in Polen, unter anderem das dortige Archiv. Die Archivarin empfing uns freundlich und beantwortete geduldig unsere Fragen. Leidenschaftlich wurde sie, als wir sie fragten, ob sie sich denn noch an den Warschauer Aufstand gegen die deutsche Besatzung im Jahr 1943 erinnern könne. Und ob sie das konnte! Mitgekämpft habe ich, rief sie nicht ohne Stolz. Ich hatte sogar ein Gewehr, obwohl ich noch fast ein Kind war.
Und dann erzählte sie weiter: Ich bin übrigens in dem Haus, in dem wir uns hier befinden, groß geworden, und Sie müssen wissen: Genau neben diesem Haus verlief die Mauer, die das Warschauer Ghetto von der Stadt trennte. Wir waren eine von ganz wenigen Familien in Warschau, die ins Ghetto hinein sehen konnten. In dieses Ghetto hatten die Nationalsozialisten Jüdinnen und Juden aus Warschau, ganz Polen und anderen Gebieten eingesperrt. Von hier aus wurden sie in das Vernichtungslager Treblinka deportiert.
Die Archivarin erzählte weiter: Damals gab es einen Streit in der reformierten Gemeinde. Sollte der Pastor Jüdinnen und Juden aus dem Ghetto einen falschen Taufschein ausstellen, um ihre Überlebenschancen zu erhöhen? Oder war ihm eine solche Lüge verboten? Da saßen wir Besucher und schämten uns für das, was Deutsche dem polnischen Volk, den Juden in Polen und nicht zuletzt dieser Frau angetan hatten. Wir lippischen Besucher wussten auch, dass der Kommandant des Warschauer Ghettos ein Detmolder Nationalsozialist gewesen war. Wie kommt es, dass Sie heute mit Deutschen reden und arbeiten und auch uns so freundlich willkommen heißen, fragte ich die alte Frau. Ich habe nach dem Krieg viele andere Deutsche kennen gelernt, erwiderte sie, und jetzt kann ich zwischen den deutschen Verbrechern damals und den deutschen Geschwistern heute unterscheiden. Was die Frau sagte, beeindruckte uns. Auch rührte uns an, dass sie wie selbstverständlich deutsch mit uns sprach
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Eine kleine Geschichte von einer großmütigen Frau. Solche Großmut war es, die die Völker Europas nach dem zweiten Weltkrieg aufeinander zugehen ließ. Trotz der Schuld, die Deutsche auf sich geladen hatten. Dafür bin ich dankbar. Zugleich weiß ich mich verpflichtet. Verpflichtet, mich für den Frieden in Europa einzusetzen. Gerade jetzt, wo die europäische Union in eine Krise geraten ist. Und für meinen Alltag nehme ich mir vor, meinen Schuldigern zu vergeben so wie Gott mir meine Schuld vergibt.
Aus Detmold grüßt Sie, Ihr Landessuperintendent Martin Dutzmann.
Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern
|