Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

08.08.12; Landessuperintendent Dr. Martin Dutzmann

Über Grenzen hinweg

Guten Morgen, liebe Hörerin, lieber Hörer! Afghanistan im Mai 2009. Da ich im Nebenamt für die Seelsorge in der Bundeswehr verantwortlich bin,

besuche ich unsere Soldaten im Einsatz am Hindukusch. Schon Wochen vorher habe ich mich auf den Gottesdienst im Feldlager Mazar-e-Sharif vorbereitet. Irgendwann hat der dort eingesetzte Militärpfarrer per Email angefragt: „Ist es Ihnen recht, wenn ich in dem Gottesdienst eine Soldatin taufe? Die junge Frau stammt aus Thüringen und gehört bisher keiner Kirche an. Bei der Bundeswehr hat sie Kontakt zur Militärseelsorge gefunden und nun will sie dazu gehören.“ Natürlich ist mir das recht.

Endlich ist es so weit. An diesem Abend im Mai kommen besonders viele junge Männer und Frauen in ihren Flecktarnanzügen zum Gottesdienst. Im Haus Benedikt – so heißt die Kapelle des Feldlagers – ist kein Platz mehr frei. Einen Chor haben sie zusammengestellt, der einige Lieder mehrstimmig singt. Ich selbst halte die Predigt, der Militärpfarrer tauft die Soldatin.

Die junge Frau – sie hat den Dienstgrad eines Stabsunteroffiziers – bekennt sich zum Glauben an Gott, den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist. Nach der Taufe tritt ein Oberstleutnant aus dem Rheinland vor und verspricht: „Ich will dich auf deinem Weg als Christin begleiten und dich im Glauben stärken. Das verspreche ich dir vor dieser Gemeinde.“ Ich bin von dem, was ich da höre und sehe, sehr bewegt. Denn ich weiß: In der Hierarchie der Bundeswehr ist zwischen diesen beiden Menschen ein sehr großer Abstand: Hier die Frau Stabsunteroffizier, die vielleicht eine kleine Gruppe von Soldaten führt, dort der Oberstleutnant, dem die Befehlsgewalt über mehrere hundert Soldaten übertragen werden kann. Am Taufbecken sind die beiden zu Geschwistern im Glauben geworden – gerade so wie es in der Bibel steht. Der Apostel Paulus schreibt an die Gemeinden in Galatien:

SprecherIn: Ihr seid alle durch den Glauben Gottes Kinder in Christus Jesus. Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen. Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.“ (Galater 3,26ff)

Aber die Geschichte ist noch nicht zu Ende. Als wir nach dem Gottesdienst zusammen sind, um die Taufe zu feiern, drückt mir jener Oberstleutnant ein kleines Holzkreuz in die Hand: „Ich bin immer zum Kirchentag gefahren“, sagt er traurig, „aber in diesem Jahr kann ich nicht teilnehmen. Werden Sie beim Bremer Kirchentag dabei sein?“ Als ich die Frage bejahe, fährt er fort: „Dann geben Sie doch bitte dieses Kreuz einem Menschen, der es nötig hat.“ Wieder baut er im Glauben eine Brücke – jetzt über den breiten Graben, der die Soldatinnen und Soldaten im afghanischen Kriegsgebiet von den Menschen im fernen friedlichen Deutschland trennt…

Bremen, wenige Wochen nach meinem Afghanistanbesuch. Nach einer Vortragsveranstaltung schenke ich das kleine Holzkreuz einer Frau mittleren Alters. Ich kenne sie nicht, aber sie macht einen traurigen Eindruck auf mich. Als ich ihr erkläre, wer ihr das Geschenk eigentlich macht, ist sie sichtlich bewegt. Und dann sagt sie: „Dieses Kreuz werde ich besonders in Ehren halten. Mein Schwager ist nämlich auch gerade als Soldat im Auslandseinsatz und wir machen uns große Sorgen um ihn.“  Ich bin sicher: Die kleine Geste des Glaubens aus dem 6000 Kilometer entfernten Afghanistan ist ihr ein großer Trost.

Tröstende Gesten wenn Sie sie brauchen wünscht Ihnen Ihr Martin Dutzmann, Landessuperintendent aus Detmold.

Audiobeitrag Über Grenzen hinweg


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