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Erzähl doch mal
Guten Morgen, liebe Hörerin, lieber Hörer! Erzähl doch noch mal von früher! Ich sehe uns noch abends auf der Eckbank in der Küche sitzen.
Uns Kinder, mehr oder weniger gründlich gewaschen, die Zähne mehr oder weniger sorgfältig geputzt, im Schlafanzug. Und unsere Mutter, die so anschaulich erzählen konnte. Oft verlangten wir nach ganz bestimmten Geschichten: Erzähl doch noch mal, wie du zum ersten Mal verliebt warst. Und wie du im Krieg als Krankenschwester Verwundete gesund gepflegt hast. Und wie das war, nach dem Krieg, als alles kaputt war und es nichts zu essen gab. Was ihr da gemacht habt. Unsere Mutter erzählte und wir hörten ihr gespannt zu. Viele ihrer Geschichten haben uns damals Mut gemacht.
Fünfzig Jahre später brauche ich solche Mutmachgeschichten immer noch. Ich brauche zum Beispiel Geschichten, die mir Mut machen, etwas Ungewöhnliches zu tun. Das fällt mir nämlich schwer. Lieber halte ich mich an Regeln und Ordnungen. Möchte, dass andere sich auf mich verlassen können. Dass ich berechenbar bin. So haben meine Frau und ich auch unsere Kinder erzogen: Sie konnten sich auf uns verlassen. Hatten wir ihnen eine Belohnung versprochen, bekamen sie die. War ihnen eine Strafe angedroht, so gab es auch die. Inzwischen sind unsere Kinder aus dem Haus, und manchmal frage ich mich: Hätten wir dann und wann weniger konsequent sein sollen? Hätten wir öfter mal fünfe gerade sein lassen müssen?
Wie auch immer. Es ist ja noch nicht zu spät, um Unerwartetes, ja vielleicht sogar Verrücktes zu tun. Und vielleicht können dann andere Menschen aufatmen so wie in der Geschichte, die der Liedermacher Reinhard Mey in seinem Song Zeugnistag erzählt. Als Zwölfjähriger bekommt er ein miserables Schulzeugnis. Nicht einmal zu einer Vier in Religion hat es gelangt. Der verzweifelte Junge fürchtet sich vor dem Zorn seiner Eltern und fälscht deren Unterschrift auf dem Zeugnisformular. Der Schwindel fliegt auf, die Eltern werden in die Schule zitiert. Dort sollen sie erfahren, was für ein missratener Betrüger ihr Sohn ist. Doch dann geschieht das Unerwartete:
Musik: Reinhard Mey, Track 5 Zeugnistag von CD Mein Apfelbäumchen, (1. August 1989), LC Beatles (EMI), Mein Vater nahm das Zeugnis in die Hand und sah mich an und sagte ruhig: Was mich anbetrifft, so gibt es nicht die kleinste Spur eines Zweifels daran, das ist tatsächlich meine Unterschrift. Auch meine Mutter sagte, ja, das sei ihr Namenszug. Gekritzelt zwar, doch müsse man verstehn, dass sie vorher zwei große schwere Einkaufstaschen trug. Dann sagte sie: Komm, Junge, lass uns gehn. Komm, Junge, lass uns gehn.
Die Erleichterung ist unbeschreiblich. Kurz darauf heißt es im Lied:
Musik: Reinhard Mey, Zeugnistag, 3:20-3:35 (0:15) Wie gut es tut zu wissen, dass dir jemand Zuflucht gibt, ganz gleich, was du auch ausgefressen hast, ganz gleich, was du auch ausgefressen hast.
In der Bibel haben Menschen davon erzählt, dass Gott so ist wie die Eltern in dieser Geschichte:
SprecherIn: Barmherzig und gnädig ist der HERR, geduldig und von großer Güte.
(Psalm 103).
Dass Sie das heute erfahren, das wünsche ich Ihnen. Ihr Martin Dutzmann, Landessuperintendent in Detmold.
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