Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

10.08.12; Pfarrerin Petra Schulze

Modebewusster Gott

Ungeschminkt. Ehrlich. Nackt sitzen sie unter Palmen, umgeben von bunten Blumen, die Beine lang ausgestreckt. Er hat den Arm um sie gelegt und beide schauen mich lächelnd an.

Glücklich. Im siebten Himmel oder nein, im Paradies. Es sind Adam und Eva aus meiner alten Kinderbibel. „Fast müsste man um euch einen Zaun bauen und euch unter Artenschutz stellen“, denke ich. Denn so glücklich und zufrieden seid ihr den Neidern ein Dorn im Auge.

Doch das Bild vom zufriedenen, selbstgenügsamen Paar – es ist nur eine Momentaufnahme aus dem Paradies. Das Paar scheitert, übertritt die Gebote Gottes und fängt an, sich zu schämen – voreinander und vor Gott. Die beiden verstecken sich. Sie wollen von Gott nicht bloßgestellt werden. Gott ist klug genug, den beiden ihre Würde und Selbstachtung zu lassen. „Da machte Gott der Herr Röcke aus Fell und legte sie ihnen um“, heißt es in der Bibel. (1. Mose 3,21) Eine Art Schutzschild hinter dem man sich verstecken kann. Bis heute. Denn auch ich weiß: Ich bin nicht perfekt. Ich mache Fehler. Ich habe abgründige, gefährliche Seiten. Ich hintergehe und betrüge – mich, andere und sogar Gott selbst.

Schämt euch nicht, sagt Gott und gibt den Menschen die Felle. Ihr seid nicht vollkommen. Ihr seid schutzbedürftig. Manchmal orientierungslos. Ich halte trotzdem zu euch und schütze euch.

Und so ist die Kleidung bis heute – auch für uns - in erster Linie einmal Schutz vor den neugierigen Blicken derer, die mich bloßstellen wollen. Meine Makel, meine Verletzlichkeit, meine Abgründe, meine Gier, meinen Betrug. Und sie schützt mich vor Kälte und Hitze, Regen und Wind, die mich täglich bedrohen – da ich nicht im Paradies zu Hause bin.

Ich weiß nicht, wie modebewusst Gott ist und wie genau die Fellkleider für Adam und Eva wohl ausgehen haben. Aber ich bin mir sicher: Er hat großen Spaß daran zu sehen, wie wir unsere Fellkleider weiter entwickelt haben. Zu bunten Trachten, strenger Amtskleidung und verrückter Mode bis hin zur Verkleidung. Die Modemacher verstehen viel vom Menschen. Ein besonderes Kleidungsstück kann mehr von meiner Stimmung zeigen, mehr über mich offenbaren, als meine Nacktheit.

Da gibt’s Manager, die sind immer korrekt in Anzug und Krawatte gekleidet, andere kommen bewusst lässig in Pullover und Hemd. Oder die Lolitas, die ich an der U-Bahn-Haltestelle treffe. Kurze Kleider mit Korsagen, hochgeschlossener Bluse und ausgestelltem Rock, viele Schleifen. Eine japanische Moderichtung, die an die viktorianische Zeit oder das Rokoko erinnert. Mädchenhaft und sexy sehen sie aus, freizügig und zugeknöpft zugleich.

Unsere Kleidung: Schutz, Mode, Spiegel unserer Stimmungen – ich freue mich, dass ich mich jeden Morgen mit Gottes höchstpersönlicher Erlaubnis seit Adam und Eva entscheiden darf: Wähle ich pink oder schwarz, Samt, Seide, Baumwolle oder doch das weiche Kunstfell? Was verhülle ich und was zeige ich von mir? Und freue mich drauf, was die anderen mir heute von sich zeigen werden.

Audiobeitrag Modebewusster Gott


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