Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

28.07.12; Pfarrer Eugen Eckert

Himmel, Erde, Luft und Meer (eg 504)

Musik 1 Instrumentalmusik: Bläser „Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren“

Rabbi Pinchas pflegte die Musik und den Gesang hoch zu preisen. Einmal sprach er:

Sprecherin: „Herr der Welt, könnte ich singen, ich würde dich nicht in den Höhen bleiben lassen. Ich würde dir mit meinem Gesang zusetzen, bis du dich bei uns niederließest“.

Autor: Einer, der es verstand, Lieder so zu singen, dass sich Gott bei uns Menschen niederlässt, war Joachim Neander. Doch bei dem gebürtigen Bremer Hauslehrer und Theologen stand vor dem Singen erst das Dichten. Wunderbare Texte und Melodien stammen aus seiner Feder – wohl besonders aus der Zeit ab 1674, als Joachim Neander Rektor der Schule der reformierten Gemeinde in Düsseldorf war.

Musik 1 Instrumentalmusik

Sprecherin:  „Wer das Neanderthal-Museum in Mettmann betritt, wird begrüßt von einem Porträt Joachim Neanders. Und aus Lautsprechern tönt sein“1 wohl bekanntester Choral. Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren. Besucher, die in das Museum kommen, um sich über die Evolution der Menschheit zu informieren, begegnen also zuerst einem vordarwinistischen Verständnis: Alles, was lebt, ist Teil der guten Schöpfung Gottes. Die ganze Schöpfung ist wie „ein Spiegel, in dem sich Gott zu erkennen gibt“2.  

Musik 1 - Instrumentalmusik

Autor: „Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren“. „Wunderbarer König, Herrscher von uns allen“. „Himmel, Erde, Luft und Meer zeugen von des Schöpfers Ehr“ – mit immer neuen Worten und Weisen suchte der Dichter nach Wegen, sein hingerissenes Staunen über die Schönheit der Schöpfung Gottes auszudrücken. Seine Lieder hat er nicht entworfen für den Gottesdienst in Kirchen, sondern für das Wandern und das Reisen. Er selbst nannte das die „Christen-Ergötzung im Grünen“3.

Sprecherin: Ein Ort zog ihn besonders an: ein schluchtartiges Tal mit überhängenden Wänden, Wasserfällen, vielen kleinen Höhlen und großem Artenreichtum. Hierhin lud er zu geheimen religiösen Versammlungen ein. Hier feierte er Gottesdienste. Und hier dichtete Joachim Neander. Nach ihm wurde Mitte des 19. Jahrhunderts das „Neandertal“ benannt.

Autor: „Die Jugend in Zwang zu halten“ lautete einer seiner Dienstaufträge als Schulleiter. Er aber wollte die Herzen der Jugendlichen gewinnen und ihnen die Augen öffnen für die Wunder Gottes. Er wollte ihre Sinne schärfen, für den Himmel, für die Erde, für die Luft und für das Meer. Und er vertraute darauf, dass das Staunen zum Beten und das Beten zur Heiligung des ganzen Lebens führen würde.

Musik 2:
Sprecherin Overvoice:
1. Himmel, Erde, Luft und Meer zeugen von des Schöpfers Ehr;
meine Seele, singe du, bring auch jetzt dein Lob herzu.
 
2. Seht das große Sonnenlicht, an dem Tag  die Wolken bricht
auch der Mond, der Sterne Pracht jauchzen Gott  in stiller Nacht.

5. Seht der Wasserwellen Lauf, wie sie steigen ab und auf;
von der Quelle bis zum Meer rauschen sie des Schöpfers Ehr.

Sprecherin: „Ach, mein Gott, wie wunderbar stellst du dich der Seele dar. Drücke stets in meinen Sinn, was du bist – und was ich bin“. Gott zu erkennen und sich selbst ist das letzte Ziel einer mystischen Reise, die mit dem Staunen über „Himmel, Erde, Luft und Meer“ beginnt.

Musik 2 „Ach, mein Gott, wie wunderbar stellst du dich der Seele dar. Drücke stets in meinen Sinn, was du bist – und was ich bin“

Autor: Neanders Arbeit trug gute Frucht. Für seine Rektorentätigkeit an der reformierten Schule wurde ihm später attestiert, er habe in Düsseldorf „seinem Schulamte so vorgestanden, dass die Schüler in aller Zucht, Sitten und Manieren hervorleuchteten. Mit seiner großen Freundlichkeit“4 habe er ihr Herz gewonnen.

Sprecherin: Weder seine Leistung im Schuldienst, noch die im Kirchendienst in Predigt und Seelsorge gaben Grund zur Beanstandung. Trotzdem geriet Neander in Konflikte. Nachdem 1668 der französische Theologe Jean de Labadie „getrieben von der Sehnsucht nach einer Gemeinde der wahrhaft Wiedergeborenen“, den Bruch mit der Kirche vollzogen hatte, schreckte das Gespenst des Labadismus die evangelischen Gemeinden. Auch Neander wurde unterstellt, „die wahre Kirche in der Separation zu suchen“5,, also in der Trennung. Argwöhnisch begegnete man seinen religiösen Versammlungen im Tal. Es kam es zum offenen Konflikt mit dem Presbyterium seiner Kirchengemeinde. Neander wurde die „Abhaltung heimlicher Zusammenkünfte“ untersagt. Und er erhielt Kanzelverbot.

Autor: Als ihm auch noch mit Entlassung gedroht wurde, unterschrieb „der erste wahrhaft große Dichter der reformierten Kirche“6 1677 ein Unterwerfungsprotokoll, in dem er „alles bereut, was er getan, alles verurteilt, was er gebilligt und alles bejaht, was er negiert hat“. Neander war damals 27 Jahre alt. Und das Konsistorium verzieh ihm „in Ansehung seiner Jugend“ und in der „Hoffnung auf Besserung“.

Sprecherin: Aber das Vertrauensverhältnis blieb gestört. 1679 erhielt er eine Stelle als Hilfsprediger in seiner Heimatstadt Bremen. Dort wurde ihm aufgetragen, was andere nicht tun wollen - Frühgottesdienste zu halten etwa, „morgens um fünf, für Mägde, Knechte und Fischer“7. Ein Jahr später starb Joachim Neander im Alter von nur 30 Jahren. Seine Kirche hat ihn nie ordiniert. Er hatte nie eine Pfarrstelle inne. Er war nie verheiratet, hatte keine Kinder. Sein Grab ist unbekannt. Aber in seinen Liedern lebt er auch heute weiter. Er – und sein Staunen über all das Schöne, das uns umgibt.

Musik 3: angespielt, nicht gesungen 

Autor: Als 1854 die „Actiengesellschaft für Marmorindustrie im Neandertal“ gegründet wurde, war Joachim Neander bereits 175 Jahre tot. Er musste nicht miterleben, wie sein geliebtes Tal in großem Stil geschliffen wurde. Für Bauzwecke und für die Stahl- und Kohleindustrie wurde Kalk gebraucht. Ein Jahrhundert später war von den ursprünglichen Kalkfelsen nichts mehr zu sehen. Sämtliche Gesteinsformen und Höhlen waren der Industrialisierung zum Opfer gefallen.

Musik 3:
1. Himmel, Erde, Luft und Meer zeugen von des Schöpfers Ehr;
meine Seele, singe du
1. Himmel, Erde, Luft und Meer zeugen von des Schöpfers Ehr;
meine Seele, singe du, bring auch jetzt dein Lob herzu.

Sprecherin: Welch ein Segen, dass die verbliebenen Reste des Neandertales ab 1921 von Bürgern der Region als schutzwürdig entdeckt wurden. Sie gründeten den Naturschutzverein Neandertal. Und mit der vollständigen Einstellung des Kalkabbaus nach 1945 begann die Rückeroberung großer Teile des Areals durch die Tier- und Pflanzenwelt.
 
Musik 3: angespielt, nichts gesungen

Autor: Liebe Hörerin, lieber Hörer: Es ist Sommer! Wir können oft und viel im Freien sein, uns mitnehmen und anstecken lassen von der „Christen-Ergötzung im Grünen“. Vielleicht fängt es dann von selbst an in uns zu singen: „Himmel, Erde, Luft und Meer zeugen von des Schöpfers Ehr“. Und auch unser Lied klingt so, dass sich Gott bei uns niederlässt.

Musik 3: 1. Himmel, Erde, Luft und Meer zeugen von des Schöpfers Ehr;
meine Seele, singe du, bring auch jetzt dein Lob herzu.


1 Wolfgang Herbst (Hg.), Wer ist wer im Gesangbuch?, Göttingen 2001, S. 223.
2 Ebd..
3 Lebensbilder der Liederdichter und Melodisten, Handbuch zum evangelischen Kirchengesangbuch II/1, Göttingen 1957, S. 252 f.
4 Ebd..
5 Wolfgang Herbst, S. 224.
6 Lebensbilder, S. 253.
7 Wolfgang Herbst, S. 224.

Musikinformationen:
Musik 1
CD:   Choralfantasien – Bearbeitung für Blechbläser
Track/Titel:  06/Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren - instrumental
Melodie:  17. Jahrhundert, geistlich Stralsund 1665, Halle 1741
Bläserbearbeitung: Anne Weckeßer

Ensemble:  Genesis Brass
Leitung:  Christian Sprenger

Musik 2 – Strophe ( 1+2+5+6)
Titel:    Himmel, Erde, Luft und Meer
Tracklänge:  1:30 min. (insgesamt)

Text:   Joachim Neander, 1680
Melodie:  Georg Christoph Strattner, 1691
Chor:   Amici Cantandi
Leitung:  Majka Wiechelt

3. Musik
CD:   Lobe den Herren, Joachim Neander remixed
Track    10 Himmel, Erde, Luft und Meer- Tracklänge 4:40
Verlag:  Medienverband der Evangelischen Kirche im Rheinland, 2008
Königsweether Str. 450, 40474 Düsseldorf

Text:   Joachim Neander
Melodie:  Neukomposition
Gesang:  Silke Schmiemann


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