Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

10.07.12; Stefanie Schardien

VerWunderlich

Das war nicht wirklich der Ort, an dem ich Wunder erwartete. Die U-Bahn-Unterführung am Hauptbahnhof finde ich ziemlich fies.

Dort kommt mir ein Typ entgegen. Versunken in die Musik aus seinen Kopfhörern kickt er eine Dose, die jemand auf den Boden geworfen hat – mir direkt vor die Füße. Der letzte Colarest läuft raus und suppt unter meinen Schuh. Was für ein Idiot. Er schaut mich an und auf die Dose und wieder zurück. Offensichtlich ist selbst ein bisschen erschrocken. Für einen Moment jedenfalls. Dann macht er gleich wieder auf cool und schaut mich provozierend an, als wollte er sagen: „Jetzt bleib mal locker!“, und schlurft schon halb weiter. Na logisch: Angriff ist die beste Verteidigung.

Ich ziehe meine Augenbrauen so verächtlich wie möglich hoch und schüttele den Kopf. Dabei komme ich mir gleich ziemlich spießig vor. So wie eine meckernde Alte. Jetzt müsste ich nur noch den Finger heben. Aber andererseits geht’s ja so auch nicht. Wenn das alle…

Während mir das alles in Sekundenschnelle durch den Kopf schießt, passiert, was ich nie erwartet hätte: Der Typ dreht sich auf dem Absatz um, beugt sich runter, hebt die Dose auf und wirft sie in den Mülleimer. Nochmal kreuzen sich unsere Blicke, und irgendwie schauen wir beide verwundert.

Es müssen ja nicht immer Menschen übers Wasser gehen oder Tote zum Leben auferweckt werden, damit man an Wunder glauben kann. Manchmal reicht auch eine Dose in der U-Bahn-Unterführung.

Sprecherin:  Alexa Christ

Audiobeitrag VerWunderlich


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