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Über das Lachen
Es gibt nur wenige Dinge, die mitreißender, die ansteckender sind als ein tiefes, von Herzen kommendes Lachen. Wenn man sich auf seinem Stuhl kaum noch halten kann
wenn das Zwerchfell bebt und bibbert, wenn man nach Luft jappst, die Tränen in die Augen schießen und das eigene Gesicht filmreife Grimassen schneidet
! Einfach nur herrlich. Einfach nur wohltuend. Guten Morgen liebe Hörerinnen und Hörer. Mein Name ist Antje Rösener, ich bin Pfarrerin und arbeite als theologische Studienleiterin im Ev. Erwachsenenbildungswerk Westfalen und Lippe in Dortmund. Ich lache wie die meisten Menschen gerne. Einmal hatte ich nach einem heiteren Abend mit guten Freunden am nächsten Tag Muskelkater. Es ist kein Witz: Beim Lachen beansprucht der Mensch mehr als 90 Muskeln. Kinder haben die meist noch gut trainiert, sie lachen bis zu 400x Tag. Erwachsene viel weniger, sie kommen mal eben auf 15 Lacher, behaupten Experten.
Ja, denn auch die gibt es mittlerweile: Ärzte, Psychologen, Therapeuten, Wissenschaftler der ganzen Welt befassen sich mit dem Lachen. Gelotologie nennt sich die neue Disziplin Und liest man deren Veröffentlichungen, dann scheint das Lachen so etwas wie DAS neue Allheilmittel zu sein: Es soll den Blutdruck senken, die Herzinfarktgefahr reduzieren, zur Entspannung beitragen, Glückshormone produzieren und das Abwehrsystem stärken. Fehlt eigentlich nur, dass wir es in Schachteln kaufen können: Tabletten, die uns zum Lachen bringen. Garantiert und ohne Nebenwirkungen. Lesen Sie die Packungsbeilage.
Musik:
Autorin: Wer lachen kann, das ist ein Mensch meinte der griechische Philosoph Aristoteles vor mehr als 2000 Jahren. Doch das Lachen hat viele Facetten. Es gibt das freudige, heitere, verspielte Lachen. Aber auch das hämische Lachen über andere, das Sich-Lustig-machen auf Kosten anderer. Ich habe das schon erlebt, dass mir das Lachen buchstäblich im Hals stecken blieb. Weil ich auf einmal merkte: Dieser Witz ist daneben. Der ist unfair. Da wird hergezogen über jemanden, der anders aussieht, anders glaubt, anders lebt. Das ist kein Lachen aus Herzenswärme. Das ist ein Lachen geboren aus Kälte. Das Lachen hat etwas Anarchisches, etwas Unkontrollierbares. Es kann Ausdruck pulsierender Freude am Leben sein, aber auch ohne Rücksicht auf Verluste lächerlich machen, erniedrigen, demütigen.
Lachen kann wie eine Befreiung sein, wenn ein Gespräch stockt, wenn Fronten sich verhärten, wenn gerade gar nichts mehr läuft in der Kommunikation zwischen Menschen. Ein Witz, ein Lacher und der ganze tierische Ernst ist verflogen. Lachen kann aber auch völlig deplatziert sein. Menschen mit einem Dauerlächeln auf dem Gesicht machen mich misstrauisch. Denn vieles in dieser Welt ist nicht zum Lachen. Vieles in dieser Welt braucht unseren Ärger, unseren Protest, unseren Einspruch. Manchmal sogar unsere Tränen. Alles hat seine Zeit: Lachen hat seine Zeit, Weinen hat seine Zeit. heisst es in der Bibel im Alten Testament: Denn nicht nur das Lachen tut gut, nein, auch Tränen reinigen die Seele. Wohl den Menschen, die weinen und lachen können zur rechten Zeit so die Empfehlung der Bibel.
SprecherIn: Moses kommt mit den zehn Geboten vom Berg Sinai herab, um den Israeliten Gottes Botschaft zu verkünden: Also Leute, es gibt eine gute und eine schlechte Nachricht. Die gute Nachricht ist: Ich habe ihn auf zehn heruntergehandelt. Die schlechte Nachricht: Ehebruch
Autorin: Ein Witz aus der Fülle der jüdischen Witze, die in der Weltliteratur eine Besonderheit darstellen. Mit ihren Witzen haben sich die Juden gegenseitig zum Lachen gebracht. Der Witz ist die letzte Waffe des Wehrlosen schrieb der österreichische Psychoanalytiker und Jude Sigmund Freud. Das Lachen, der Humor half den Juden in ihrem Kampf ums Überleben. Jahrhundertelang eine Minderheit, immer wieder Verfolgungen ausgesetzt da wirkt das Lachen befreiend. Es vertreibt die Ängste, spricht aus, was bedrängt, befreit von der Ohnmacht. Die jüdischen Witze sind pfiffig und intelligent, ganz gleich ob sie die herrschenden Zustände kritisieren oder sich selbst aufs Korn nehmen:
SprecherIn: "Moische! Wohin fährst du?" "Nach Wien. Ich will mich ein paar Tage erholen." "Moische, was soll das? Immer wenn du sagst, du fährst nach Wien, fährst du in Wahrheit nach Prag, um Geschäfte zu machen. Zufällig weiß ich aber, dass du heute wirklich nach Wien fährst.
Musik: Autorin: Hat Jesus gelacht? Der biblische Befund ist eindeutig: Jesus wanderte durchs Land, weinte, diskutierte, tröstete, betete, aß und trank, berührte Männer und Frauen, lobte Gott
- nur gelacht hat er nicht. Es gibt einen frühchristlichen Text, in dem von Jesu Lachen berichtet wird, aber der steht nicht in der Bibel. Sondern in einer Schrift aus dem 3. Jahrhundert nach Christus, in der Apokalypse des Petrus.
Natürlich hat Jesus trotzdem gelacht davon bin ich überzeugt. Jesus hat an Festen und Gastmählern teilgenommen, er hat in den Häusern seiner Freundinnen und Freunde übernachtet, mit ihnen Freud und Leid geteilt. Er hat Kinder gesegnet, die man zu ihm brachte und eine Botschaft verkündet, die den Menschen Mut machte.
SprecherIn: Jesus richtete seinen Blick auf seine Jüngerinnen und Jünger und sprach: Glücklich seid Ihr Armen, denn Euch gehört das Reich Gottes. Glücklich seid Ihr Hungrigen, denn ihr werdet satt werden. Glücklich seid ihr Weinenden, denn Ihr werdet lachen! (Lk 6,20+21)
Autorin: Doch weshalb wurde Jesu Lachen in der Bibel verschwiegen? Weshalb wurde darüber nie berichtet? Religionsgeschichtler vermuten, dass die ersten Anhänger Jesu diesen nicht zu menschlich erscheinen lassen wollten.
Musik:
Autorin: Man dachte viele Jahrhunderte lang, dass ein lachender Jesus keine Würde mehr hat. Das Weinen und Leiden galt als Gott wohlgefälliger. So versuchten Kirche und Ordensgemeinschaften das Lachen durch Verbote und Strafen zu unterdrücken. Erst ab dem elften Jahrhundert entwickeln Dominikaner und Franziskaner Unterschiede zwischen moralisch gutem und schlechtem Lachen. Das Lachen bekommt nun seinen festen Platz. Er wird zur Ausnahme von der Regel zum Beispiel im Karneval oder in der Osterliturgie. Die Priester sollten ihre Gemeinden am Ostermorgen durch gezielte Scherze zum Lachen bringen.
SprecherIn: Einer schrie immer Kuckuck wie der gleichnamige Vogel, wenn er im hohlen Weidenbaume seine Jungen gefressen hat. Wieder ein anderer zog einem Laien eine Mönchskutte an, machte ihm dann vor, er sei nun Priester und führte ihn zum Altar. Wieder einer erzählte mit welchen Mitteln der Apostel Petrus die Wirte um die Zeche betrog
! (1)
Autorin: So beschreibt ein Augenzeuge aus dem 16. Jahrhundert den Brauch des Osterlachens, der sich in manchen katholischen Gegenden bis ins 19. Jahrhundert gehalten hat. Von Martin Luther und seiner Frau Katharina wissen wir, dass in ihrem Hause gerne und oft gespeist, getrunken, diskutiert wurde. Viele von Luthers berühmten Tischreden sind erhalten geblieben und es ist kaum vorzustellen, dass dabei nicht auch kräftig gelacht wurde. Martin Luther war sich sicher:
SprecherIn: "Gott hat kein Gefallen an der Traurigkeit des Geistes, sondern will, dass wir in ihm sollen fröhlich sein. Darum hat er auch seinen Sohn nicht gesandt, dass er uns betrübe, sondern fröhlich mache."
Musik
Autorin: Humor als Lebenshaltung vielleicht geht es darum. Nicht Lachen auf Deubel komm raus. Nicht lachen auf Kosten anderer. Sondern leben in dieser Leichtigkeit, die immer wieder über den Dingen steht. Lachen über mich selbst, denn ich darf mich irren, ich darf stolpern und scheitern. Gott erwartet doch nicht von mir, dass ich als einsame Heldin todernst durch das Leben ziehe. Lachen über den Alltag, der oft voller Komik ist, voller Dinge, die man wirklich nicht immer nur bierernst nehmen muss. Lachen mit denen, die lachen, mit den Kindern und Alten, den Schwarzen und Weißen, den Großen und Kleinen.
Denn jedes Lachen zeigt uns, dass das Leben schön ist, dass Gott es gut mit uns meint. In jedem Lachen können wir Gottes Segen spüren. Ja, das Leben ist liebenswert! So hat es Gott gemacht. SprecherIn: Ich bin vergnügt erlöst befreit Gott nahm in seine Hände Meine Zeit Mein Fühlen Denken Hören Sagen Mein Triumphieren und Verzagen Das Elend Und die Zärtlichkeit
Was macht dass ich so unbeschwert Und mich kein Trübsinn hält Weil mich mein Gott das Lachen lehrt Wohlüber alle Welt (2)
Autorin:Mit diesen Worten des Kabarettisten Hanns Dieter Hüsch verabschiede ich mich von Ihnen. Einen wunderschönen Sommer wünscht Ihnen Pfarrerin Antje Rösener von der Evangelischen Kirche.
(1) J. Bärsch, Risus paschalis, Der Brauch des Osterlachens in Liturgie und Frömmigkeit, in: Meditation Heft1/1998, S.24 (2) Hanns Dieter Hüsch: Das Schwere leicht gesagt, Düsseldorf 1991, S.45
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