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Leben aus innerer Hoffnung
Liebe Gemeinde hier im Gemeinde Zentrum Mittelstraße in Bonn und an den Rundfunkgeräten! Reißt euch mal schön zusammen!
So könnte man diesen Briefabschnitt zusammenfassen. Reißt euch mal schön zusammen und geht immer nett miteinander um: Seid alle eines Sinnes, voller Mitgefühl, liebt einander, übt Barmherzigkeit, seid demütig! Außerdem: Vergeltet nicht Böses mit Bösem, nicht üble Nachrede mit übler Nachrede! Und: Seid bereit, um der Gerechtigkeit Willen zu leiden.
Nicht besonders ansprechend eine solche To-do-Liste. Ziemlich spröde, dieser Text. Wer spricht hier eigentlich zu wem?
Dieser Text ist vor langer Zeit geschrieben und in das Neue Testament aufgenommen worden. Wir sind uns heute nicht mehr ganz sicher, wer ihn ursprünglich abgefasst hat. Nennen wir ihn mit der Tradition Petrus. Jedenfalls sollten diese Zeilen Leute einer Gemeinde erreichen, die wegen ihres christlichen Glaubens von außen Druck bekamen. Und in der Gemeinde selbst, da hatten sich nach und nach wohl auch Querelen eingeschlichen.
Petrus verlangt nun offenbar vor allem: Nimm dich selbst zurück. Jedenfalls sollen sich die Angesprochenen offensichtlich nicht durchsetzen und mal Kante zeigen. Auch scheint der Schreiber nicht zu wünschen, dass sich die Persönlichkeiten individuell entfalten. Nein, gleichgesinnt sollen die Gemeindemitglieder sein. Ich weiß nicht, wie die Leute in der Gemeinde das damals aufgenommen haben. Ich frage mich heute: Will ich das wirklich? Und vor allem: Will Gott das von uns?
Ich kenne andere Bibeltexte. In ihnen geht es darum, dass Jesus Menschen ganz persönlich begegnet. Und da geht es dann nicht darum, sich möglichst angepasst zu verhalten. Jesus ermöglicht Menschen, ihren eigenen Weg zu gehen: Die Frau am Jakobsbrunnen fällt mir da ein. Jesus spricht sie auf ein Fehlverhalten an und macht ihr Mut, nach vorne zu gehen. Oder Zachäus, der Oberzöllner. Jesus besucht ihn in seinem Haus, obwohl niemand etwas mit ihm zu tun haben wollte. Er isst und trinkt mit ihm, steht zu ihm. Das lässt Zachäus umdenken und anders handeln als er es vorher gewohnt war. Eine To-do-Liste der moralisch angesagten Taten hätte das wohl nicht bewirkt.
Ich kenne auch Bibeltexte, in denen theologisch gestritten wird. Da kämpft der Apostel Paulus in den christlichen Gemeinden der heutigen Türkei um die christliche Freiheit
Jakobus stellt sich in einem neutestamentlichen Brief gegen einen in seinen Augen abgehobenen Glauben und will auch Taten sehen.
In all diesen Texten ist für mich Musik drin. Da geht es um Freiheit und Sich-Entfalten auch darum, für das zu streiten, was ich im Glauben für richtig erkannt habe. Ich frage mich: Wo spielt die Musik in dem Briefabschnitt, den wir vorhin gehört haben?
Instrumentalmusik
Es lohnt sich ein zweiter Blick auf diesen Text aus dem ersten Petrusbrief. Was will Petrus denn von den Leuten?
Petrus blickt auf Menschen. Zuerst auf die christliche Gemeinde selbst, der er schreibt: Da soll es gelingende Gemeinschaft geben: Die eine soll sich da nicht gegen den anderen durchsetzen müssen. Und dann blickt Petrus auf die Gemeinde und ihr gesellschaftliches Umfeld, das gerade nicht christlich geprägt ist: Von dort kommt Gegenwind. Und der soll die Christen nicht gleich aus der Bahn werfen.
Petrus blickt auf Menschen. Er hat dabei aber nicht nur Sozialsysteme im Blick ob in der christlichen Gemeinde oder in der Gesellschaft überhaupt. Er sieht auch den einzelnen Menschen an. Wie kann er so leben, dass er mit sich selbst im Reinen ist und anderen dabei gut tut?
Diese Verbindung wäre doch ideal: Mit sich selbst im Reinen sein und anderen dabei gut tun. Oft gibt es da leider einen Bruch: Da sind wir mit uns selbst im Reinen aber andere kommen mit ihren Bedürfnissen nicht mehr vor. Wir haben dann zwar unser Ding gemacht aber andere bleiben dabei auf der Strecke. Oder es geht anders herum: Weil es anderen gut gehen soll, verbiege ich mich innerlich. Um äußere Harmonie zu wahren oder wiederherzustellen, gebe ich eigene Überzeugungen und Bedürfnisse preis.
Gerade diese zweite Möglichkeit drängte sich mir ja beim ersten Lesen dieses Predigttextes auch auf: Wenn ich immer eines Sinnes mit anderen, voller Mitgefühl und Liebe, barmherzig und demütig sein soll
- verbiege und verliere ich mich dann nicht selbst? Als ich mich weiter mit diesem Text beschäftigt hatte, merkte ich: Nein - Petrus meint nicht, dass Leute nicht mehr sie selber sein sollen. Er weiß: Dass ich mich so verhalten kann, wie es in unserem Text beschrieben wird, braucht eine innere Vorbereitung. Eine innere Kraft, die nach außen hin wirkt:
Und deshalb fordert er seine Adressaten auf, nach innen zu schauen. Den Herrn aber, Christus, haltet heilig in euren Herzen sagt er. Er sagt eben nicht Reißt euch mal schön zusammen! Eher: Macht euch innen weit! Gebt dem in euren Herzen Raum, dessen Möglichkeiten eure überschreiten. Lasst den euer besonderer innerer Wert sein, dessen Friede eure Vernunft und eure Gefühle übersteigt. Eben: Den Herrn aber, Christus, haltet heilig in euren Herzen. Oder anders gesagt: Petrus schreibt von der Hoffnung, die in mir ist. Wieder ist es diese innere Kraft die Kraft der Hoffnung:
Hoffnung darauf, dass das Böse sich letztlich nicht durchsetzen kann
Hoffnung darauf, dass üble Nachrede letztlich nicht das letzte Wort ist
Hoffnung darauf, dass Frieden erreichbar ist.
Das sind die innersten Sehnsüchte der meisten Menschen. Diese Sehnsüchte sind wie ein inneres Feuer, das brennt, das mich brennen lässt für das Gute, für Menschlichkeit, für Gewaltlosigkeit, für Versöhnung. Da gibt es in mir ein Kraftpotenzial, das sich ausdehnen will, das Raum braucht. Das weiß Petrus. Den Herrn aber, Christus, haltet heilig in euren Herzen! Gebt der Hoffnung in euch Raum! Christus ist der Herr der Hoffnung.
Mit der Kraft der Hoffnung in mir möchte ich jetzt die Zeilen aus dem Brief des Petrus noch einmal lesen. Jetzt sehe ich keine Spröde mehr und auch keinen erhobenen Zeigefinger, vor dem ich mich ducken müsste.
Da gibt es also die christliche Gemeinde
Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich spreche hier nicht von der Insel der Seligen. In Kirchen und Gemeinden leben Menschen mit allen ihren Ecken, Kanten, Begabungen und Freundlichkeiten, wie wir sie auch sonst woher kennen.
Diese Gemeinde soll nun so sein: Eines Sinnes mit anderen, voller Mitgefühl und Liebe, barmherzig und demütig. Wie lässt sich das mit der Kraft innerer Hoffnung durchbuchstabieren? Eines Sinnes mit anderen sein heißt nicht auf Linie gebracht und hirngewaschen. Sondern: Gleich gesinnt weist auf die innere Kraft, die Christinnen und Christen miteinander verbindet den Christus in ihren Herzen. Diese innere Verbundenheit hat Folgen: zum Beispiel für den Umgang mit Differenzen und Meinungsverschiedenheiten. Da gibt es bei allen Unterschieden immer noch etwas, das uns verbindet. Das uns immer wieder antreibt, unsere Konflikte so zu lösen, dass niemand verletzt wird und zu Schaden kommt.
Eines Sinnes mit anderen sein, voller Mitgefühl und Liebe
Barmherzigkeit
Demut: Aus der Kraft innerer Hoffnung bekommt das alles eine klingende Melodie, eine warme Farbe. Das Bild einer gleich schwingenden Gemeinschaft entsteht vor meinem Auge. Einer Gemeinschaft, die über die Grenzen der Konfessionen hinaus verbunden ist, über Kirchengrenzen und Kontinente hinweg. Diese Melodie der Hoffnung ist die Kraft, die in der ökumenischen Arbeit wirkt. Und wenn hier Fronten zwischen einzelnen Traditionen noch so hart scheinen: Das innere Feuer der Hoffnung kann zwischen diesen Fronten nicht erstickt werden.
Diese Melodie der Hoffnung trägt noch weiter. Christinnen und Christen sind Teil der Gemeinschaft in Dorf und Stadt. Sie stoßen nicht nur auf Gegenliebe. Zu der Zeit, als der erste Petrusbrief geschrieben wurde, gab es die ersten Christenverfolgungen. Der Grundsatz des Petrus: Vergeltet nicht Böses mit Bösem, sondern segnet vielmehr! war in der Situation der Verfolgung sicher sehr schwer einzuhalten und mehr als ein Lippenbekenntnis. In vielen Ländern gilt das bis heute: Christenverfolgungen sind hoch aktuell ob in Nord Korea, dem Iran oder in Ägypten. Organisationen wie amnesty international oder open doors liefern hier erschütternde Berichte. In unserer Gesellschaft ist zwar der christliche Glaube tief verwurzelt. Der Einsatz für Gerechtigkeit kann aber dennoch leidvoll sein: Wenn sich Kinder mutig für gehänselte Mitschüler einsetzen oder Menschen am Arbeitsplatz Wert darauf legen, dass ehrlich gearbeitet und verhandelt wird auch wenn dadurch Aufträge verloren gehen können.
Der Christus in unseren Herzen... die Hoffnung in uns
das ist für Christinnen und Christen die treibende Kraft: Das Wissen darum, dass das Äußere letztlich nicht das Innere angreifen kann. Diese innere Hoffnung ließ Menschen wie den evangelischen Theologen Dietrich Bonhoeffer der braunen deutschen Gewalt widerstehen. Der Christus in ihm machte den Baptistenpastor Martin Luther King stark im Kampf für die Rechte der Schwarzen in den USA. Die römisch-katholische Ordensfrau Mutter Theresa ließ die Ärmsten der Armen Indiens spüren, was es heißt, Gutes zu tun.
Das sind natürlich große Namen. Die Kraft, die in ihnen wirkte und die Hoffnung, die von ihnen ausstrahlte und uns bis heute erreicht, kann aber auch ganz alltäglich wirken. Der christliche Glaube gibt dem Alltag eine Sonntagsmelodie, die Melodie der Hoffnung: Wir hören sie in unseren Gottesdiensten in Texten, Liedern und Gebeten. Wir tragen sie aber auch in den Alltag, damit die innere Hoffnung nicht ein Sonntagsglaube bleibt, sondern zum Montags-, Dienstags-, Mittwochsglauben wird. In diesem Jahr beteiligen sich viele christliche Gemeinden an einem Projekt. Es heißt Glaube am Montag. Wir als Evangelisch-Freikirchliche Baptistengemeinde in Bonn sind dabei. Wir wollen, dass das, was in unseren Herzen lebt, in unserem Alltag nach außen strahlt.
Leben aus innerer Hoffnung - wie das geht, das wollte Petrus in seinem Brief der Gemeinde vermitteln. Das sich dieses Leben auch in Ihnen, euch und mir ausprägt, dazu segne uns der gute Gott. Amen.
Der nächste Evangelische Hörfunkgottesdienst aus Nordrhein-Westfalen, wird am 09.09.2012 von 10 Uhr bis 11 Uhr auf WDR 5, aus der Ev. Christuskirche in Velbert gesendet. Die Predigt hält Superintendent Rolf Breitbarth.
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