Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

29.07.12; Pfarrer Alfred Buß

Sonnenaufgang

Der Streit ging schon am Samstag los. Die einen waren dafür, die anderen dagegen. Eine Jugendgruppe in den Dolomiten.

Für die Nacht zum Sonntag stand ein Aufstieg auf dem Programm - zum Gipfelkreuz, den Sonnenaufgang da oben erleben. Losgehen sollte es um vier Uhr in der Frühe. Sonntag ist Ruhetag, sagten die einen. Da ist Ausschlafen angesagt. - Quatsch. Ruhe finden bedeutet, die Stille der Nacht und die erwachende Natur erleben. So die anderen. Es ging hin und her. Schließlich gab’s eine Abstimmung. Fast Zweidrittel dafür. Pünktlich um vier sollten alle da sein.

Als sie sich nach und nach einfinden in der Frühe, ist es noch stockfinster. Das war vorher klar. Aber nun hat sich noch milchiger Nebel in die Landschaft gesetzt, die Luft ist tropfnass. Und es ist ungemütlich kalt. Was tun? Den Aufstieg abblasen? Einige maulen. Unter den Umständen nicht. Ich geh wieder in’s Bett, ruft eine. Ausschlafen. Andere schließen sich an. Sie müssen sich einiges anhören: Weicheier. Warmduscher. Ärmelschoner und so weiter.

Bis einer sagt: Ich gehe jetzt los. Es ist das lösende Wort. Zwölf machen sich  auf den Weg. Knapp die Hälfte. Fröstelnd. Bedächtigen Schritts. Schweigend. Und schwer atmend. Mit leisem Zweifel, ob der Aufstieg richtig ist - bei der Wetterlage. Still liegt die Natur. Nur langsam wird es Tag. Das Licht kämpft sich mühsam durchs trübe Nass. So geht’s lange Zeit Schritt für Schritt.

Doch plötzlich reißt der Nebel auf. Langsam steigt die Sonne auf hinter den Bergen. Das neue Licht taucht den Himmel in zarte Farben. Die Vögel erwachen und singen ihr Lied. Kantig zeichnen sich die Gipfel der Berge ab. Auch die letzten Dunstschleier lösen sich auf. Ein leichter Wind kräuselt das Wasser eines Bergsees. Kleine Wellen schwappen an eine Bootshaut. Was für ein Morgen! Am Gipfelkreuz geht der Blick tief hinunter und bis weit an den Horizont. Reinste Fernsicht, so weit das Auge reicht. Nicht zu fassen und wunderbar.

Ob die unten das nachher glauben werden?

Als die Wandergruppe wieder im Tal ankommt gegen Mittag, scheint auch hier längst die Sonne. Die Daheimgebliebenen haben sich auf Liegestühlen breitgemacht, hören Musik, lesen, quatschen. Einige spielen Volleyball. Begeistert erzählt die Wandergruppe, was sie erlebt hat. Das stößt auf nur mäßige Resonanz. Viel zu viel action, Hektik und Stress. Ist doch Sonntag. Also relaxen, locker bleiben und die Sonne genießen. 

Und wer hat nun Recht? Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen. So antwortete Jesus, als  ihm Geistliche seiner Zeit einmal vorwarfen, die Sabbatregeln nicht einzuhalten. Man meinte zu wissen, wie der Ruhetag zu begehen war, verbindlich für alle Menschen. Dabei ist der siebente Tag ein Geschenk. Gottes Geschenk für Menschen und Tiere. Wir dürfen Ruhe geben. Ganz da sein. Zeit haben. Nicht mehr arbeiten und sorgen und schaffen. Sabbat meint wörtlich: Seinlassen, Aufhören.

Am siebenten Tag gab Gott Ruhe. Dieses Gottesgeschenk ist die Krone der Schöpfung. Und ein Lichtstrahl aus Gottes kommender Welt. Einst wird ewiger Sabbat sein.
Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag, liebe Hörerin und lieber Hörer, an dem diese Ruhe sie umfängt. Und vielleicht ein Lichtstrahl in Ihr Leben fällt aus Gottes größerer Welt. Wo immer Sie sind und was immer Sie tun oder lassen: Musik hören, Sport treiben, sich im Liegestuhl ausbreiten, auf einen Berg klettern, mit anderen spielen oder singen und beten. Vergessen Sie nicht: Dieser Tag ist ein Gottesgeschenk!

Ihr Alfred Buß, Pfarrer aus Unna.

 

Audiobeitrag Sonnenaufgang


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