Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

22.07.12; Pfarrer Alfred Buß

Grüne Ente

Vor der geschlossenen Bahnschranke stand eine grüne Ente. Nein, nicht ein Enten-Tier, sondern ein grüner Citroen 2 CV - im Volksmund liebevoll Ente genannt.

Geringe Kosten, einfache Technik und schlichtes Design machten  die Ente vor zwei Jahrzehnten zum typischen Studentenauto. In der grünen Ente vor der geschlossenen Schranke saß eine junge Frau. Den Motor hatte sie abgestellt. Glückauf-Schranke wurde das Hindernis genannt, weil man Glück hatte, wenn sie offen war. Es war Sonntag. Eine lange Schlange von Autos hatte sich hinter der grünen Ente gebildet. Ausflugsverkehr. Ich war mit dem Fahrrad unterwegs und wartete vorn an der langen Autoschlange, just neben der grünen Ente darauf, dass die Glückauf-Schranke hochging. Als das endlich geschah, startete die junge Frau den Motor – aber der sprang nicht an. Sie versuchte es zweites Mal, ein drittes, dann wieder und wieder. Ohne Erfolg. Und schon begann ein Hupkonzert. Hinter den Lenkrädern gestikulierten lauter genervte und verbiesterte Menschen. Bleibt doch mal locker, dachte ich, was habt Ihr denn alle für eine Eile. Ist doch Sonntag!

Doch dann fiel mir ein: Auch sonntags gibt’s viele Verpflichtungen: pünktlich sein zum Kaffeetrinken, auf dem Sportplatz, zum Grillen bei Freunden, die Autoschau nicht verpassen, noch einen freien Stuhl in der Eisdiele finden, am verkaufsoffenen Sonntag noch einen Parkplatz entdecken, noch leckeren Kuchen ergattern, bevor die Theke leergeräumt ist, noch genügend Zeit für den Waldspaziergang haben. Und überhaupt: keine Zeit verlieren... Manche müssen auch schlicht zur Arbeit.

Schon fliegt ein Wagenschlag auf und eine Stimme schreit: „Wird’s bald?! Kauf dir mal’n richtiges Auto!“

Doch – was passiert jetzt? Die junge Frau stutzt, hält einen Moment inne und steigt dann entschlossen aus ihrer Ente. Sie dreht sich dem hinter ihr stehenden Wagen zu, geht zur Fahrertür, beugt sich hinunter und sagt: „Entschuldigung. Können wir mal tauschen?“ Irritiert schaut der Fahrer sie an. Da fährt die junge Frau fort: „Sie starten jetzt mal die Ente und ich hupe so lange für Sie.“ Verblüfft steigt der Fahrer aus, und mit ihm weitere, um zu erfahren, was da los ist.  Das Hupkonzert verklingt und Heiterkeit breitet sich aus. Schließlich begleitet ein ganzes Menschenrudel die junge Frau zurück zu ihrer Ente. Gemeinsam schieben wir sie an. Als das Auto losbraust, winken wir ihr fröhlich prustend nach. Einen Augenblick bleiben noch alle beieinander stehen, um auszutauschen, was sie da gerade erlebt haben: Diese junge Frau. Ein verrücktes Huhn. Stellt die Welt einfach auf den Kopf: Können wir mal tauschen? Mit einem verblüfft-heiteren Kopfschütteln  steigen alle wieder in ihre Autos. Als sie hinter den Lenkern sitzen, ist die Glückauf-Schranke schon längst wieder geschlossen. Aber das macht jetzt nichts mehr. Merkwürdig ist das. Im Wortsinne: Merk-würdig.

Es tut uns Menschen offensichtlich gut, mal aus der Rolle zu fallen, die Sichtweise zu wechseln und in den Schuhen anderer zu gehen. Das beruhigt die Nerven und stärkt die Gemeinschaft.

Am Sonntag haben wir Zeit, aufeinander zu achten und miteinander zu leben. Jesus hat das einmal so auf den Punkt gebracht: Was hilft es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt und nimmt doch Schaden an sich selbst. (Markus 8,36)

Liebe Hörerin und lieber Hörer. Vielleicht ist heute Zeit und Gelegenheit, die Welt auf den Kopf zu stellen oder in den Schuhen anderer zu gehen. Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag.

Ihr Alfred Buß, Pfarrer im Ruhestand aus Unna

 

Audiobeitrag Grüne Ente


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