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Rituale
Wenn Onkel Siegfried zu Besuch kam, war fast immer Sonntag. Meist war er schon zum Mittagessen da, denn gegen 5 Uhr am Nachmittag musste er wieder zu Hause sein,
Kühe melken. Als Kind freute ich mich jedes Mal, wenn er uns besuchte. Onkel Siegfried konnte großartig erzählen. Spannend, fesselnd. Zum Beispiel, wie er eine Kuh verkaufte, die er schon als Kälbchen gekannt und ihm einen Namen gegeben hatte. Beigestanden habe er dieser Kuh in Krankheit und als Geburtshelfer, wenn sie selber Kälbchen zur Welt brachte, erzählte er. Und dann: Wie schwer es ihm geworden sei, sie jetzt herzugeben. Aber es ging nicht anders: Es war kein Platz mehr im Stall. Diese Bande von Viehhändlern hat kein gutes Haar an meiner Kuh gelassen, nur um den Preis zu drücken, schimpfte er. Doch ihm wär klar gewesen: Die hatten großes Interesse an dem Tier und so schaltete er erstmal auf stur. An diese Händler werde er seine Kuh nicht verkaufen, habe er gedacht, dafür sei sie ihm zu lieb und zu teuer. So gings fort. Onkel Siegfried malte aus, wie die Händler hätten sich wieder anschlichen und bessere Gebote abgaben, sich dann gegenseitig überboten bis er in die Hand des Höchstbietenden einschlug. Wenn Onkel Siegfried nach langen spannenden Erzählschleifen fertig war, hatte ich den ganzen Kuhhandel in allen Fasern miterlebt und miterlitten.
Nach dem Teetrinken in meiner ostfriesischen Heimat wird die Kaffeezeit ja mit Tee zelebriert gings noch mit Onkel Siegfried hinaus aufs Feld, schauen, ob die Fruchtpflanzen gut gediehen. Dann schwang er sich wieder aufs Fahrrad und fuhr heim. Onkel Siegfrieds Besuche waren ein wunderschönes Sonntagsritual. In seinen Erzählungen verarbeitete er, was er erlebt hatte in der Woche.
Rituale. Mit immer gleichen Ritualen fing der Sonntag in meiner Kindheit an - eigentlich schon samstags. Denn schon am Samstagnachmittag duftete Frischgebackenes durchs Haus. Mutter hatte den knusprigen Sonntagsstuten in der Röhre. Und auch das Sonntagsessen bereitete sie jetzt vor. Oben auf dem großen Herd der Bauernküche zischte derweil Dampf aus einem üppigen Wasserkessel. In ihm wurde das Badewasser erhitzt. Am späteren Nachmittag stand dann eine Zinkbadewanne vor dem Herd. Das heiße Wasser wurde hineingegossen. Als damals Kleinster der Familie durfte ich zuerst hinein. Oft genug hielten mich die älteren Brüdern über der Wanne und schrubbten mich von oben bis unten ab. Sonnabend war Badetag. Zinkbadewannentag für alle Mitglieder der Familie, immer der Reihe nach. Frisch gepellt setzten wir uns dann alle an den Tisch zum Abendbrot. Von ferne läuteten die Glocken den Sonntag ein. Es war spürbar Sonnabend. Abend vor dem Sonntag eben.
Gedenke des Sabbattages, dass du ihn heiligest, sagt die Bibel. (2. Mose 20,8; vgl. 5. Mose 5,12). Heiligen heißt aussondern, von den gewöhnlichen Dingen unterscheiden, herausheben. Der Sonntag hat eine andere, besondere Qualität. Er unterbricht die alltägliche Arbeit. Der Sonntag schenkt Zeit. Zeit für Erholung und schöpferischen Neuanfang, Zeit für persönliche Besinnung und Gemeinschaft mit anderen. Doch viele wissen mit der freien Zeit nichts anzufangen. Der Sonntag stürzt sie in eine tiefe Verlegenheit: es ist einfach nichts los.
Wie kann der Sonntag wieder kostbar werden? Sicherlich nicht durch Zinkbadewannen oder andere Relikte der Vergangenheit. Aber kleine Rituale können helfen, den Sonntag besonders zu machen. Und wir können einander Geschichten erzählen. Alltagsgeschichten wie Onkel Siegfried sie erzählte. Und damit Abstand zu seinem Alltag bekam. Alltagsgeschichten erzählte auch Jesus. Geschichten, die vom Tod zum Leben führen. Sie werden noch heute erzählt. Ganz sicher immer, wenn die Glocken läuten. So wünsche ich Ihnen einen gesegneten Sonntag.
Ihr Alfred Buß, Pfarrer aus Unna.
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