Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

25.09.05, 7.45 Uhr, Stephan Kiepe-Fahrenholz

Tag des Butterbrots

Es gibt ja nichts, was es nicht gibt, liebe Hörerinnen und Hörer. Und als ob es im September nicht schon genug gewesen wäre an bedeutsamen Jubiläen,

staatstragenden Akten und historischen Ereignissen, gibt’s nun übermorgen auch noch den „Tag des deutschen Butterbrots“.

Fragen Sie mich nicht, wann und wie dieser Gedenktag zustande gekommen ist. Dass er einem nicht unwichtigen Gegenstand gilt, lehrt spätestens das schlaue Internet-Lexikon Wikipedia, in dem es heißt: „Butterbrot ist in Mittel-, Nord- und Osteuropa verbreitet; es kann als eine deutsche Nationalspeise angesehen werden; als Lehnwort ist ‚Butterbrot’ sogar ins Russische übergegangen.“ Trotz Burger und Minipizza gehört zur Vorstellung des Lebensnotwendigen offenbar immer noch die tägliche Stulle.

Eben die geht sonntags im Vaterunser als Bitte ums tägliche Brot mehr oder weniger gewohnheitsmäßig von den Lippen. Sie ist aber zugleich der stündliche Notschrei von Abermillionen von Menschen, die auf dieser Erde buchstäblich verhungern. Dass es daher zu den vordringlichen Aufgaben der neuen Regierung gehört, gemeinsam mit den anderen reichen Industriestaaten so schnell wie möglich den akuten, den täglichen, den unmittelbar zum Tod führenden Hunger in der Welt abzuschaffen, hat vor wie nach der Wahl allerdings noch keine Partei gesagt.

Wir haben anderes zu tun. Die Konjunktur muss in Schwung kommen. Arbeitsplätze müssen entstehen. Die Rente muss gesichert werden. Der Wohlstand muss wachsen, damit die Nachfrage wächst, damit die Konjunktur in Schwung kommt und wieder von vorn.

Gewiss, das ist ökonomisch und logisch. Trotzdem fällt mir zum Tag des deutschen Butterbrots das biblische Wort ein, dass der Mensch nicht vom Brot allein lebt. Menschen, die nicht mal für jeden Tag ein Stückchen Brot haben, können mit diesem Spruch mit Recht wenig anfangen, denn in der Tat kommt erst das Fressen und dann die Moral. Eine Gesellschaft, die so viel Brot produziert, dass jeden Tag auch noch ein erklecklicher Teil zum Wegschmeißen übrig bleibt, müsste allerdings wohl doch überlegen, wo die Moral bleibt.

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Munde Gottes kommt – so geht es weiter, das zitierte Bibelwort.

Und damit geraten wir in eine Dimension, in der anders gerechnet wird als in der Ökonomie. Wenn ich mein Selbst- und Weltverständnis auf die Worte gründe, die aus dem Munde Gottes kommen, entdecke ich ganz schnell die Verantwortung für den benachteiligten, den minder bemittelten, ja, auch den hungernden Nächsten, hier vor der eigenen Tür und weltweit.

Das mag von mir aus all jene zum Lächeln reizen, die Entwicklungs- und Sozialpolitik gern als teure Luxus diskreditieren. Trotzdem bleibt es wahr, dass wir auch am Tag des deutschen Butterbrots nichts so nötig brauchen wie möglichst viel Brot für die Welt.

Audiobeitrag Tag des Butterbrots


Druckversion

Suche

Sendungen der Woche

Sendungen am Sonntag

Sendungen im Fernsehen