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"Ein Paradies für mich allein?"
Wenn ich ins Paradies reinkomme, dann bin ich da allein. Denn wenn alle anderen Leute auch reinkämen, wärs ja kein Paradies mehr.
Als Michael das sagte, war es plötzlich still in der Runde. Bis dahin hatten alle wild und weinselig durcheinander geredet. Hatten erzählt, wie sie sich das Paradies vorstellten, und allerlei Ideen dazu entwickelt.
Aber jetzt herrschte auf einmal eine Stimmung, als wäre eine Grenze überschritten worden. Als dürfe man das Paradies nicht für sich allein beanspruchen. Auch nicht zu fortgeschrittener Stunde.
Ich glaube allerdings, dass viele so denken wie Michael. Wenn es ein Paradies oder einen Himmel gibt, dann dürfen zumindest einige Leute da auf keinen Fall reinkommen. Zum Beispiel Diktatoren, die ihre Völker unterdrückt oder Kriege begonnen haben. Also Hitler und Stalin. Oder Gaddafi und Assad. Dasselbe müsste auch für Gewaltverbrecher gelten, für Sexualstraftäter oder Drogenbosse. Und was ist mit Wirtschaftsbonzen, die Existenzen ruinieren? Oder mit Autobahnrasern, die tödliche Unfälle verursachen? Würde man denen im Himmel wieder begegnen wollen? Was soll das für ein Paradies sein, wenn solche Leute da reinkommen?
Andererseits: Wo soll man die Grenze ziehen zwischen Guten und Bösen? Wie soll man entscheiden, wer gerade noch so eben ins Paradies hinein darf und wer nicht?
Für mich wird an diesen Fragen deutlich: Es gibt kein Privatparadies, das ich mir so einrichten kann, wie ich es haben möchte. Oder wo ich nur die Leute reinlasse, mit denen ich einverstanden bin. Kein Mensch und auch keine Kirche kann da eine Entscheidung treffen. Und niemand hat das Recht, irgend einen Menschen von vornherein auszuschließen.
Wenn es nämlich ein Paradies oder einen Himmel gibt, dann haben wir alle kein Recht, da einfach reinzuspazieren. Schließlich lassen sich bei jedem Menschen gute Gründe finden, um ihm den Zutritt zum Paradies zu verweigern. Natürlich - in unseren Augen haben diese Gründe nicht alle das gleiche Gewicht. Manches lässt sich rechtfertigen oder zumindest erklären. Bei anderen Fällen versagt jedes Verständnis. Aber ob man jetzt knapp am Paradies scheitert oder mit weitem Abstand, ist ja letztlich egal. Für uns alle gilt: Wenn Gott unser Leben haarklein durchrechnet, dann kommt keiner in den Himmel. Dann bleibt das Paradies leer.
Deshalb ist klar: Ohne Gnade läuft bei diesem Thema gar nichts. Für keinen von uns. Keiner kann darauf verzichten, dass Gott ihm gnädig ist.
Wenn Gott dazu allerdings bereit ist, dann bleibt nicht der Himmel leer. Dann bleibt die Hölle leer. Denn wenn Gott erst einmal anfängt, gnädig zu sein, dann macht er da keine halben Sachen.
Nicht dass Sie mich falsch verstehen: Ich glaube nicht, dass die Gnade Gottes so simpel funktioniert wie ein Türschlüssel. Der uns nach dem Tod das Tor zum Himmel öffnet. Ich stelle mir eher vor, dass die Gnade Gottes uns verändert. Dass alles Böse abfällt, dass sich das Schlechte, das Versäumte, auch das Erlittene löst. Wie eine Art Entgiftung. Vielleicht geht das bei dem einen schneller und dauert bei dem anderen länger. Ich kann mir vorstellen, dass so ein Prozess auch nicht nur schön ist. Sondern auch unangenehm und schmerzhaft. Aber danach steht uns das Paradies offen. Weil das weg ist, was uns den Zutritt verbauen könnte.
Allerdings: Das gilt natürlich nicht nur für uns, sondern für alle Menschen. Wenn jeder die Gnade Gottes braucht und wenn uns alle diese Gnade verändert, dann gibts keine Privat-Paradiese. Sondern eins für alle Menschen.
"Ein Paradies für mich allein?"
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