Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

09.07.12; Pfarrer Martin Vogt

Stärke und Gnade

Als ich in mein Arbeitszimmer kam, saß auf meinem Schreibtisch ein dicker weißer Kater und knurrte mich böse an.

Wir haben selbst eine Katze, allerdings eher die schmächtige Variante. Dagegen war dieser Kater ein richtiges Muskelpaket. Deshalb hatte er sich wohl getraut, durch unsere offene Terrassentür hereinzuspazieren.

Doch nun hatte er sich in eine ziemlich üble Lage gebracht. Denn seine einzige Fluchtmöglichkeit war die Tür, in der ich jetzt stand. Dementsprechend knurrte und fauchte er mich an. Gleichzeitig zitterte er aber am ganzen Körper vor Angst.

Um die Situation zu entschärfen, öffnete ich das Fenster und ging hinaus. Ich nahm an, er würde die Gelegenheit nutzen, um sich aus dem Staub zu machen. Aber als ich nach einer Weile wiederkam, hatte er sich nicht vom Fleck gerührt.

Offenbar hatte ihn die Angst so sehr im Griff, dass er ganz erstarrt war. Also näherte ich mich vorsichtig dem Schreibtisch, ging von hinten an den Kater heran, packte ihn und beförderte ihn zügig in unseren Garten, aus dem er sehr schnell verschwand.

Fast eine Stunde später krabbelte plötzlich unsere Katze unter einem Bücherregal hervor. Der Kater hatte ihr wohl klargemacht, wer hier der Stärkere war. So blieb ihr nichts anderes übrig, als sich in der hintersten Ecke zu verkriechen. Bis ich hereinkam und die Kräfteverhältnisse wieder umkrempelte.

So gesehen ist das ein klassisches Beispiel dafür, wie der Stärkere sich gegen den Schwächeren durchsetzt. Unter Tieren ist das genauso normal wie unter Menschen. Jeder kennt Erfahrungen nach dem Schema: Der Angestellte lässt den Azubi seine Macht spüren. Und kurz danach muss er sich wiederum vom Abteilungsleiter zusammenfalten lassen.

Auch Gott wurde jahrhundertelang in dieses Schema hineingepresst. Gott war sozusagen der Ober-Starke, der allen Machtmissbrauch, alles Unrecht und alle Gewalt rächt und so die Verhältnisse wieder zurechtrückt.

Aber so einfach ist es natürlich nicht. Längst nicht jedes Unrecht wird durch himmlische Gewalt in Ordnung gebracht. Und längst nicht jeder Machtmissbrauch hat übernatürliche Konsequenzen. Ganz offensichtlich sorgt Gott in vielen Fällen nicht mit aller Macht für ausgleichende Gerechtigkeit auf Erden. Ich glaube, das liegt daran, dass Gott häufig andere Strategien anwendet als die Demonstration eigener Stärke. Liebe, Vergebung, Gnade - das sind für ihn echte Alternativen, denen er oft den Vorzug gibt. Auch wenn die Erfolge nicht so spektakulär sind. Oder sogar ganz ausbleiben.

Trotzdem hält Gott sich mit seiner Kraft zurück. Das ist nicht so sehr ein Zeichen von Schwäche. Es ist einfach unser Glück. Wenn Gott nämlich nach unserem Schema von Macht und Stärke arbeiten würde, dann ginge es uns schlecht. Dann wären wir längst so achtkantig aus der Welt ’rausgeflogen wie der Kater aus meinem Arbeitszimmer.
So aber lässt Gott uns zwar immer wieder die Folgen unserer Taten spüren. Aber er bewahrt uns dabei vor dem Schlimmsten und lässt uns in der Welt leben, die wir uns erobert haben.

Audiobeitrag Stärke und Gnade


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