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Zerfetztes Leben und doch ganz
Kennen Sie das? Sie haben sich fest vorgenommen Nein zu sagen und irgendetwas in Ihnen sagt trotzdem ja.
Oder: Sie zwingen sich gerade, ganz ruhig zu bleiben, alles läuft gut und plötzlich fahren Sie aus der Haut. Was war das denn? sagen die anderen, wenn sie Sie so erleben. Vielleicht denken Sie das auch. Oder besser: Wer war das denn? Welcher Teil von mir ist da mit mir durchgegangen? Das angepasste Mädchen, das immer noch in mir lebt, oder die innere Furie, die aus einer Zeit stammt, in der ich meine Wut immer runterschlucken musste.
Guten Morgen, liebe Hörerin, lieber Hörer, Mein Name ist Sabine Haupt-Scherer, ich arbeite als Pfarrerin im LWL-Bildungszentrum Jugendhof Vlotho mit dem Schwerpunkt Traumapädagogik. Wir alle kennen unterschiedliche Herzen in unserer Brust, unterschiedliche Stimmen und Strebungen, innere Vielfalt. Wir können sie beobachten und meist auch steuern, unpassendes unterdrücken, um uns angemessen zu verhalten.
Ganz anders ergeht Menschen, die schon früh viel Gewalt erfahren mussten: da spalten sich innere Strebungen und Anteile ab und führen ein eigenes Leben. Robin, eine junge multiple Frau, beschreibt das in einer Fernsehdokumentation so:
Sprecherin / O-Ton: Erst wenn einfach nichts da ist und niemand mehr hilft und niemand glaubt und niemand liebt, dann musst du dich einfach so weit zurückziehen, weil du das nicht aushalten kannst, weil du das alleine nicht tragen kannst. Und wenn niemand da ist, schaffst du dir jemand, der da ist.
Autorin: Robin hat in das das Grauen geschaut und schafft es, trotzdem weiterzuleben und mit ihrer Freundin Irina und Tochter Rebekka um ein lebenswertes Leben zu kämpfen. Robin ist eine multiple Überlebenskünstlerin. Sie wurde Opfer eines rituellen Kinderschänderrings.
Um all die Qualen zu überleben, hat sie sich in unterschiedliche Personen aufgespalten. Es gibt jüngere Ichs, die sich an die sexualisierte Gewalt nicht erinnern, Erwachsene, die dafür sorgen, dass Tochter Rebekka behütet aufwächst, männliche und weibliche Ich-Anteile: männliche Beschützer, Frauen, die sich an das Leid erinnern und die Täter gern stellen würden, Kinder, die den Haupttäter bewundern und schützen wollen innere Kämpfe und plötzliche Wechsel. Auch heute noch, wo sie in Sicherheit ist, wechseln die Anteile in ihr. Irgendwann hat sie beschlossen, ihrer Freundin Irina von ihren Innenpersonen zu erzählen und sie die Wechsel beobachten zu lassen. Leben zu dritt blieb so möglich. Auch wenn es immer noch eine Herausforderung darstellt:
Sprecherin / O-Ton: Wenn du 23 Jahre lang nicht weißt, wie es sich anfühlt, gemocht zu werden, dann hast du eine sakrische Angst, wenn dir das zum ersten Mal begegnet, weil du es überhaupt nicht einschätzen kannst und dann willst du nur noch zurück, flüchten in die bekannten Sachen, und genauso ist es mit jedem neuen Ding, das auftaucht. Du willst immer erst mal flüchten und sagen nicht jetzt, bitte nicht noch etwas Neues
Musik
Autorin: Robin leidet unter einer dissoziativen Persönlichkeitsstörung: das, was man früher multiple Persönlichkeit nannte. Wenn ein Mensch schon in früher Kindheit massive sadistische Gewalt erlebt, müssen die Erinnerungen abgespalten werden, um nicht daran zu zerbrechen. Es entstehen unterschiedliche Persönlichkeitsanteile in unterschiedlichen neuronalen Netzwerken im Gehirn, die zu unterschiedlichen Zeiten aktiv sind. Jobsharing auf dem Weg durch die Hölle nennt das der Traumatherapeut Lutz Ulrich Besser. Die unterschiedlichen Anteile bleiben erhalten im Menschen, mit unterschiedlichen Erfahrungen, Alter, Meinungen und Gefühlen. Sie treten wechselnd in den Vordergrund. Für die Betroffenen heißt das, dass es keine zeitliche Kontinuität mehr gibt, wie wir sie kennen. Sie finden sich etwa auf einem Bahnhof vor und wissen nicht, was sie dort wollen, oder sie tauchen auf mit einer Süßspeise im Mund, die sie ganz eklig finden, die aber kleinere Innenpersonen lieben.
In den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts begannen Therapeuten zu verstehen, was eine multiple Persönlichkeit ist und sie von anderen psychischen Störungen wie Schizophrenie zu unterscheiden. Heute lässt sich der Wechsel von unterschiedlichen Anteilen durch bildgebende Verfahren im Gehirn nachweisen. Das Phänomen, dass Menschen innerlich viele sind, ist aber sehr viel älter. Schon in der Bibel finde ich Spuren davon in der Erzählung von der Heilung des Besessenen Mannes aus Gerasa, wie sie im Markusevangelium festgehalten ist.
Sprecher: Als Jesus mit seinen Leuten nach Gerasa kam, lief ihm jemand von den Gräbern entgegen. Einer, der in den Grabhöhlen wohnt, der eher bei den Toten zuhause ist als bei den Lebenden: ein Mensch am Abgrund des Todes. Die Bewohner von Gerasa schauderte es. Sie fürchteten sich vor ihm, denn er schrie wild und schlug sich selbst mit Steinen, dass das Blut nur so spritzte. In ihrer Not hatten sie versucht, ihn zu bändigen: ihn zu fesseln und in Ketten zu legen, aber er hatte die Fesseln und die Ketten zerrissen und war aus den Häusern der Lebenden ausgezogen zu den Grabhöhlen.
Autorin: Die Geschichte erzählt nichts von der Vergangenheit des tobenden Mannes aus Gerasa. Aber wir können erahnen, was sich im Leben eines Menschen ereignet haben muss, der die Nähe von Menschen so meidet und auf seinen eigenen Körper mit Steinen losgeht. Bilder von sadistischer Gewalt drängen sich auf. Wissen tun wir, was sie ihm später angetan haben: Sie haben versucht, ihn mit Fesseln und Ketten zu bändigen. So mag er zu den Gräbern geflohen sein, um seine Freiheit zu wahren und sich nicht noch einmal überwältigen zu lassen.
Einer, der so lebt und so tobt, ist einer, der schon auf der Erde durch die Hölle gegangen ist. Und die Stimmen von Zerstörung, Misstrauen, Angst und Wut, die ihm so eingeprägt sind, beherrschen ihn ganz. Schon früh wird er gelernt haben, dass keiner für ihn da ist, dass man ihn schlagen und quälen darf, ohne dass jemand hilft. Wer solche Erfahrungen macht, hat keine Chance das zu entwickeln, was wir Urvertrauen nennen: ein Vertrauen in die Welt und das Leben, dass schon gut gehen wird, ein Vertrauen in die Mitmenschen, dass sie einem helfen können, und ein Vertrauen in sich selbst, dass er liebenswert ist. Solche Menschen gehen später auf sich selber los.
Sprecher: Als dieser Mensch auf Jesus trifft, erfasst ihn wieder die alte Angst: Menschen, die sich für ihn interessieren, so fürchtet er, wollen ihm nichts Gutes tun. Quäle mich nicht ist darum der erste Satz, den er Jesus entgegen schleudert.
Autorin: Zugleich gibt es eine Seite in diesem geplagten Menschen, die erkennt, dass Jesus anders ist als die anderen, dass er der Sohn des höchsten Gottes ist, von dem vielleicht doch mehr zu erwarten ist als von den Menschen.
Sprecher: Und tatsächlich: Jesus sieht mehr in ihm als Angst und Zerstörung. Jesus will ihn verstehen. Wie heißt du? fragt Jesus und zielt auf den Menschen hinter dem verzweifelten Toben. Und er bekommt eine ganz vernünftige Antwort:Legion heiße ich, denn wir sind ganz viele. Erschütternd zu hören, wie er auf die Frage Jesu beschreibt, dass er überhaupt kein Ich hat bilden können. Dass er nur aus einer Vielzahl von erlernten und sich widerstrebenden Stimmen besteht.
Musik
Autorin: Die Menschen im ersten Jahrhundert nach Christi Geburt haben das nicht verstanden. Ihre Lösung war: Da können nur die Geister aus ihm sprechen, die von ihm Besitz ergriffen haben. Besessen muss er gewesen sein. Und nachdem sie von seiner Heilung erfahren hatten, erzählten sie die Geschichte von den Schweinen.
Sprecher: Jesus, so erzählte man, hatte den unreinen Geistern befohlen, auszufahren von dem Menschen. Und die unreinen Geister baten Jesus, in der Gegend bleiben zu dürfen. Sie hatten in der Gegend an einem Berghang eine Schweineherde gesehen, in die wollten sie jetztfahren. Als Jesus das erlaubt hatte, fuhren die Geister in die Herde, und die Schweine stürzten den Abhang hinunter und ertranken im See, etwa 2000.
Autorin: Verständlich, diese Geschichte: das Böse soll vernichtet werden, ertrinken, einfach weg sein. Heile Welt soll wieder sein wie im Märchen. Weg mit dem Bösen, notfalls mit dem ganzen Menschen, mögen sich die Leute gewünscht haben. Weg mit die grausigen Erfahrungen und Stimmen, mag sich auch der Betroffene gewünscht haben. Aber das geht nicht. Das Böse bleibt Realität auf dieser Welt.
Und doch finde ich eine tiefe Wahrheit in dieser Geschichte. Einer, der so viel Leid erfahren hat, der muss die vielen Stimmen der Verzweiflung und der Angst aus sich heraus bringen. Der kann sie nicht einfach vergessen und mundtot machen, sie leben in ihm eingebrannt in sein junges Gehirn. Sie müssen hörbar werden, müssen verknüpft werden mit anderen Erfahrungen, um wieder ein halbwegs normales Leben führen zu können.
Die ganzen Gemeinheiten und Schweinereien und Enttäuschungen, die er erlebt hat, muss dieser Mensch noch mal durcharbeiten, damit sie ihn nicht mehr besitzen. Jemand muss das mit ihm aushalten; muss klären, woher seine Verzweiflung kommt, muss verstehen, warum er jetzt selbst auf seinen wertvollen Körper losgeht, indem er wiederholt, was ihm angetan wurde.
Jesus wird das getan haben. Und so konnte der Mann aus Gerasa eine neue Erfahrung machen: dass jemand nicht vor ihm wegläuft. Dass jemand bei ihm bleibt, ohne ihn zu verletzen. Dass es jemandem nicht gleichgültig ist, was mit ihm passiert. Er kann im Spiegel des anderen ein neues Bild von sich bekommen: von einem wertvollen und vernünftigen Menschen, der nicht verrückt und besessen ist, von einem, der offensichtlich ein schweres Schicksal überlebt hat zerfetzt und doch ganz: wertvoll, vernünftig und beziehungsfähig.
Musik
Sprecher: Als die Menschen der Stadt hinzukommen, sehen sie genau diesen Menschen. Sie sehen den Mann aus Gerasa zum ersten Mal bekleidet und vernünftig. Und der Geheilte bittet bei Jesus bleiben zu dürfen. Bei Jesus hat er sich zum ersten Mal als neu erfahren - nicht von Stimmen besessen, sondern Herr seiner selbst - bei ihm will er jetzt bleiben. Die Bitte ist verständlich und viele Geheilte bitten Jesus darum. Aber dies ist das einzige Mal, dass Jesus ablehnt. Er schickt den, der wie besessen war, zu seiner Familie und zu seinen Leuten zurück.
Autorin: Es ist, als wenn er ihm sagen wollte: Die Unbehaustheit und die Flucht, das ist dein altes Leben. Dein neues Leben ist bei den Menschen. Erlebe, dass Menschen nicht nur enttäuschend und verletzend sein können, sondern auch liebend und nah, hilfreich und solidarisch.
Überall dort, wo bei uns Platz ist für altes Grauen, wo es Gehör findet und so Vergangenheit werden kann, schmerzlicher Teil der Geschichte, überall dort ist Platz für Menschen, die wie Robin und der Mann aus Gerasa leben: zerfetzt und doch ganz. Überall dort können schmerzliche Erfahrungen in den Fluss der Zeit eingehen und Raum schaffen für Leben mit innerer Vielfalt.
Ich verabschiede mich von Ihnen, Liebe Hörerin, lieber Hörer. Ihre Sabine Haupt-Scherer von der Evangelischen Kirche.
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