Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

30.06.12; Pfarrerin Silke Niemeyer

Weißt du, wieviel Sternlein stehen (eg 511)

Autorin: Fynns erste Melodie im Leben: Weißt du, wieviel Sternlein stehen. Ein Lied, das unzählige Kinder in den Schlummer gewiegt hat. Es ist wie ein Nest für die Seele.

Es lässt sie zur Ruhe kommen. Es hüllt sie in Geborgenheit. Es gibt ihr Frieden. Fynns kleiner Seele ganz besonders; denn er kämpfte auf der Frühchenstation um sein Leben. Seine Eltern legten ihm die Spieluhr in sein Bett. Unter ihrem Klang verschwanden die Geräusche der Apparate, die ihn überwachten, und Fynn kam zur Ruhe.
Er hat es geschafft. Mittlerweile ist er ein kräftiger kleiner Kerl. Als er getauft wird, singen wir für ihn:

Choral: (1. Strophe): Weißt du, wie viel Sternlein stehen an dem blauen Himmelszelt? Weißt du, wie viel Wolken gehen weithin über alle Welt? Gott der Herr hat sie gezählet, dass ihm auch nicht eines fehlet an der ganzen großen Zahl, an der ganzen großen Zahl.

Autorin: Der thüringische Pfarrer Wilhelm Hey dichtete den Text dieses bekannten Kinderliedes, das auch ins Evangelische Gesangbuch aufgenommen wurde. „Klassiker der deutschen Kinderstube“ wird Wilhelm Hey auch genannt. Denn aus seiner Feder stammen ebenfalls das Weihnachtslied „Alle Jahre wieder“, das Morgengebet „Wie fröhlich bin ich aufgewacht“ sowie zwei „Fabelbücher für Kinder“. Ihnen gab Wilhelm Hey einen so genannten „ernsthaften Anhang“ bei. Darin erschien der Text des Liedes im Jahr 1837 zum ersten Mal, damals noch mit dem Titel „Weißt du, wie viel Sterne stehen“. Zu dem Liedtext hatte der Pfarrer ein Notenblatt gelegt. Darauf stand die Melodie des damals bekannten Liebesliedes „So viel Stern am Himmel stehen an dem blauen Himmelszelt“. Von diesem Liebeslied hatte sich Pfarrer  Hey  inspirieren lassen. Nach dessen inniger Melodie sollte sein Abendlied  gesungen werden:

Choralmelodie, instrumental

Sprecher: Weißt du, wie viel Sternlein stehen an dem blauen Himmelszelt? Weißt du, wie viel Wolken gehen weithin über alle Welt?

Autorin: Nein, das weiß kein Kind. Auch kein Erwachsener. Obwohl im letzten Jahr in unserem Land so viel gezählt wurde:
Wie viele Bewohner?
Wie viele Kinder? Wie viele Erwachsene?
Wie viele Verheiratete, Verwitwete, Ledige?
Wie viele Evangelische, Katholische, Muslime, Konfessionslose?
Wie viele in Wohnungen, Altenheimen, Sammelunterkünften, Gefängnissen?
Wie viele Blumenverkäuferinnen, Zollbeamte, KFZ-Mechaniker?
Weißt du, wie viel?
Weißt du, wieviel Sternlein stehen? Bei dieser Frage aus dem Lied geht es nicht darum, zu erfassen und zu speichern, zu vergleichen, zu verwerten, zu optimieren, auszusortieren. Sondern Gott zählt die Sterne und die Wolken, all das Unzählbare und Unbezahlbare aus einem anderen Grund:

Sprecher: Gott der Herr hat sie gezählet, dass ihm auch nicht eines fehlet an der ganzen großen Zahl.

Autorin: Gott zählt seine Geschöpfe nicht, damit sie eine Nummer bekommen, die man einsortieren kann, oder eine Zahl, mit der man rechnen kann, oder einen Preis, den man dafür verlangen kann. Gott zählt, damit nichts und niemand verloren geht und vergessen wird. Und er hört nicht bei den Sternen und den Wolken auf: (0:17)

Choral: (2. Strophe):
Weißt du, wie viel Mücklein spielen in der heißen Sonnenglut, wie viel Fischlein auch sich kühlen in der hellen Wasserflut? Gott der Herr rief sie mit Namen, dass sie all ins Leben kamen, dass sie nun so fröhlich sind, dass sie nun so fröhlich sind.

Autorin: Wilhelm Hey freute sich vor 175 Jahren am Spiel der Mücken im Sonnenlicht und am Schwarm der Fischchen im kühlen Wasser. Aber wie sollen wir heute noch die Mücklein besingen, wenn wir doch wissen, dass sie bedrohliche Krankheiten übertragen? Wie den Meeresfisch, wenn er in Schleppnetzen verendet? Vielleicht gerade deshalb umso mehr. Umso mehr müssen wir einstimmen in solche Lieder und sie unseren Kindern beibringen. Wer so singt, der wird sich dafür einsetzen, dass die Berge und die Meere nicht kaputt gemacht werden. Weil er begreift: Tiere sind nicht nur zum Mästen und Schlachten da. Bäume nicht allein zum Abholzen und  verkaufen. Sondern man kann auch über sie staunen und sich freuen. Wer so singt  begreift, dass wir die Natur nicht besitzen wie ein Eigentümer ein Paar Schuhe, die er austreten und wegwerfen kann. Die Bibel sagt:

Choralmelodie, instrumental, darüber:  

Sprecher (overvoice): HERR, wie sind deine Werke so groß und viel!
Du hast sie alle weise geordnet, und die Erde ist voll deiner Güter.
Da ist das Meer, das so groß und weit ist,
da wimmelt's ohne Zahl, große und kleine Tiere.
Dort ziehen Schiffe dahin;
da sind große Fische, die du gemacht hast, damit zu spielen.
Es warten alle auf dich,
dass du ihnen Speise gebest zur rechten Zeit.
Wenn du ihnen gibst, so sammeln sie;
wenn du deine Hand auftust, so werden sie mit Gutem gesättigt. (aus Psalm 104)

Autorin: Wir sind nicht Eigentümer der Welt. Auch einander besitzen wir nicht. Das erfuhren auf quälend schmerzhafte Weise die Eltern der kleinen Anna, als sie ihre Tochter begraben mussten. Sie war so krank zur Welt gekommen, dass sie wussten, sie würden sie nicht lange bei sich haben. Vier Jahre waren es. Zum Abschied von ihr wollten sie in der Kirche „Weißt du, wie viel Sternlein stehen“ singen. Und zwar wegen seiner letzten Strophe:

Choralmelodie, instrumental

Sprecher: Weißt du, wie viel Kinder frühe stehn aus ihrem Bettlein auf, dass sie ohne Sorg und Mühe fröhlich sind im Tageslauf? Gott im Himmel hat an allen seine Lust, sein Wohlgefallen; kennt auch dich und hat dich lieb.

Choralmelodie, instrumental

Autorin: Anna war nicht ohne Sorg und Mühe. Anna konnte gar nicht ohne Hilfe aus ihrem Bettchen aufstehen. Aber Anna war trotzdem oft fröhlich im Tageslauf. Wilhelm Hey wollte mit seiner Strophe von sorglosen und fröhlichen Kindern nicht  die bittere Wirklichkeit überzuckern. Im Gegenteil: Durch sein Engagement in einem Kinderheim wusste er, wie viele Kinder morgens mit Sorg und Mühe aufstehen. Besonders ihnen galten seine Zuwendung und seine Überzeugung: Gott kennt auch dich und hat dich lieb. Du sollst nicht verloren gehen.

Bevor wir Anna auf dem letzten Weg begleiteten, sangen wir „Weißt du, wie viel Sternlein stehen“, um zu bekräftigen: Auch an Anna hat Gott seine Lust, sein Wohlgefallen, kennt auch sie und hat sie lieb.

Choral: (1. + 3. Strophe)
Weißt du, wie viel Sternlein stehen an dem blauen Himmelszelt? Weißt du, wie viel Wolken gehen weithin über alle Welt? Gott der Herr hat sie gezählet, dass ihm auch nicht eines fehlet an der ganzen großen Zahl, an der ganzen großen Zahl.

Weißt du, wie viel Kinder frühe stehn aus ihrem Bettlein auf, dass sie ohne Sorg und Mühe fröhlich sind im Tageslauf? Gott im Himmel hat an allen seine Lust, sein Wohlgefallen; kennt auch dich und hat dich lieb, kennt auch dich und hat dich lieb.

Musikinformationen:
Choral (gesungen):
Tonträgertitel:    WRO: Kinder-Schlaflieder, Ltg. A. Hempel
Titel:     Weißt du wieviel Sternlein stehen
Komponist:    Volkslied
Textdichter/Übersetzer:  Hey, Wilhelm
Bearbeiter:    Froschauer, Helmuth (22.09.1933) Österreich 
Solist:     Sterzl, Guido
Orchester:     WDR Rundfunkorchester Köln
Dirigent:     Hempel, Andreas

Choralmelodie (instrumental):
Tonträgertitel:   WDR-Kompilation
Titel: Weißt du, wie viel Sternlein stehen
Track-Nr.:     20
Bearbeiter: Bähr, Josef (1923)
Ensemble:  Hornquartett Josef Bähr

Spieluhr:
CD:    Sterntaler Spieluhrmelodien
Künstler:   Various Artists 
Titel:    Weisst Du Wieviel Sternlein Stehen
Track-Nr.:    9
Verlag:   ZYX Music, Copyright: (C) 2006

 


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