Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

30.06.12; Pfarrerin Silke Niemeyer

Kauft ohne Geld (Jesaja 55, 1+2)

Könnte man nicht einfach mal das Geld abschaffen? Auf die Idee kam schon Gott selbst. Das steht beim Propheten Jesaja.

Sprecher: Die ihr kein Geld habt, kommt her, kauft und esst! Kommt her und kauft ohne Geld und umsonst Wein und Milch! Warum zählt ihr Geld dar für das, was kein Brot ist, und sauren Verdienst für das, was nicht satt macht? Hört doch auf mich, so werdet ihr Gutes essen und euch am Köstlichen laben. (Jesaja 55,1+2)

Aber wie soll das denn gehen? Kaufen ohne Geld – das ist wie schwimmen ohne Wasser oder wie kochen ohne Feuer. Das ist paradox. Genau. Es sollen uns die Augen aufgehen, wie paradox unser ganzes Leben geworden ist. Wie verrückt das Normale ist. Gott will uns reizen, uns zur Abwechslung die ganz schlichten Fragen zu stellen:
Warum blättern wir Geld hin für das, was kein Brot ist? Warum zahlen wir sauren Verdienst für das, was nicht satt macht? Warum geben die Nationen im Jahr 1,3 Billionen Dollar für Rüstung aus? Das sind 1300 Milliarden von den Scheinen, auf denen steht „In God we trust“. Was ist das für ein Gott, dem da vertraut wird? Und was ist eigentlich verrückter: ohne Geld Brot zum Leben zu kaufen oder mit Geld Bomben zum Töten zu kaufen?
 
Aber das ist eben nicht verrückt auf diesem Markt. Auf ihm geht es nicht um die Verteilung von Gütern. Auf ihm geht es vor allem um die Vermehrung des Mammon. Dazu dienen auch die Waffen. Sie sind Waffen im Dienst der Geldvermehrung. Um in den Genuss des so genannten Rettungspakets zu kommen, musste Griechenland Renten und Löhne kürzen. Also sauren Verdienst in noch saureren verwandelt. Und es kaufte zugleich Kriegsschiffe aus Frankreich und Deutschland. Nicht ohne Geld, sondern für mehrere Milliarden Euro. Geld, das die Griechen nicht satt macht, sondern den Hunger zurückkehren lässt in diesem Land.1

Auf diesem Markt, wo das Leben ausverkauft wird, hätte Gott, der unverbesserliche Utopist, nicht viel zu lachen. Brot und Wein und Milch ohne Geld verkaufen? Das würden die Händler sich nicht gefallen lassen. Sie würden ihn wegen Wettbewerbsverzerrung verklagen. Denn er verdirbt die Preise. Alles, alles wird hier zur lukrativen Ware, das Wasser und das Brot, die Luft zum Atmen und der Zugang zum Strand, der Blick in den Himmel und die Stille, die Tiere und der menschliche Körper. Alles zum Kaufen und Verkaufen. Alles eine Sache des Preises; und wer kein Geld hat, ist raus.

Gott aber kommt es auf die an, die ausgeschlossen sind aus der bunten Warenwelt: „Die ihr kein Geld habt, kommt her, kauft und esst! Kommt her und kauft ohne Geld und umsonst Wein und Milch!“

Gott gibt Brot dem, der Hunger hat, ob er Geld hat oder nicht. Entscheidend für den Zugang zu Wasser ist bei ihm, ob einer durstig ist, und nicht, ob er das Wasser bezahlen kann. Und nicht nur Brot und Wasser, sondern auch die Milch und den Wein bekommt er. Gott weiß nämlich, dass zum menschlichen Hunger auch der Appetit auf das gehört, was uns Genuss und Freude bereitet. Das Bisschen mehr, das unser Leben braucht, um nicht bloß Überleben zu sein.

Gewiss werden wir nicht morgen das Geld abschaffen. Aber wir können heute anfangen Gottes Fragen laut zu stellen: Warum zählt ihr Geld dar für das, was kein Brot ist, und sauren Verdienst für das, was nicht satt macht? Warum verwandelt ihr alles in Ware? Warum muss aus allem Geld und noch mehr Geld werden?
Darüber denke ich nach, Ihre Pfarrerin Silke Niemeyer aus Recklinghausen.

1 Zeit-online, 07.01.12: „Schöne Waffen für Athen“ / http://www.zeit.de/2012/02/Ruestung-Griechenland
Stern.de, 24.02.12: „Arme werden geschröpft, nicht die Armee/
http://www.stern.de/politik/deutschland/schuldenkrise-in-griechenland-arme-werden-geschroepft-nicht-die-armee-1791358.html
Zeitfragen, 7. Mai 2012, Gerd Höhler: In Griechenland setzt sich der Hunger fest/ http://www.zeit-fragen.ch/index.php?id=777
Bericht im Arte-Journal vom 16.02.12: „Griechenland: Der Hunger hält Einzug“ / http://www.arte.tv/de/3070230,CmC=6407564.html)

Audiobeitrag Kauft ohne Geld (Jesaja 55, 1+2)


Druckversion

Suche

Sendungen der Woche

Sendungen am Sonntag

Sendungen im Fernsehen