Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

29.06.12; Pfarrer Joachim Gerhardt

Richtig sehen

Entscheidend im Leben ist manchmal der richtige Blick. Davon erzählt die Geschichte vom Barmherzigen Samariter. 2000 Jahre ist sie her.

Es war auf der Straße zwischen Jerusalem und Jericho. Ein Mann wurde überfallen. Nun liegt er auf der Straße, hilflos und verletzt. Dann kommt, leicht zu erkennen, ein Priester – und eilt vorbei. Dann noch ein Levit, noch so ein „heiliger Mann“ aus dem Tempeldienst – und geht ebenfalls schnellen Fußes vorüber.

Es gibt 1000 gute Gründe, warum: Keine Zeit, die Angst, sich für den wichtigen Dienst im Tempel womöglich zu verunreinigen, und und und … Ich glaube, der wahre Grund liegt tiefer. Die beiden haben einfach nicht richtig hingeschaut. Es gibt einen Unterschied zwischen Sehen und Hinsehen. Und dafür steht der Samariter. Er ist der Dritte, der an der Stelle vorbeikommt – für einen Augenblick stehen bleibt, richtig hinschaut und sieht: Da braucht ein Mensch Hilfe, wirklich Hilfe – und zwar: von mir.

Genau so ist das: Wer nur mal gerade drüberschaut, der sieht nicht, was dran ist. Wer nur mal gerade vorbeischaut, der spürt nicht, was nötig ist. Übersehen ist auch ein Sehen. Aber eines ohne Wirkung.

Wir Menschen heute sind, mehr als alle Generationen vor uns, gewöhnt, in hohem Tempo wahnsinnig viele Bilder aufzunehmen. Es ist atemberaubend, was unser Gehirn alles verarbeiten kann. Die Schnittsequenzen im Fernsehen haben sich in den letzten Jahren vervielfacht.

Schnelles Sehen ist angesagt. Aber nicht nur im Fernsehen und Kino. Auch bei der Arbeit. Sogar in der Schule. Da werden Schulzeiten verkürzt, Stoffe verdichtet und Schüler angetrieben: Macht doch mal schneller! – Alles auf Tempo. Und das gilt für das Sehen auch.

Keine Frage: Das schnelle Sehen ist eine Leistung. Aber das wirkliche Hinsehen ist eine Kunst. Eine Lebenskunst. Und mein Eindruck ist: Diese Kunst verlernen wir gerade in unserer Gesellschaft. Und darum ist mir die Geschichte von dem barmherzigen Samariter so wichtig und so aktuell. Weil sich hier mal einer Zeit nimmt und richtig hinschaut.

Ich bin mir sicher: Eine Welt, die nicht mehr hinschaut, wird eine kalte Welt, eine einsame Welt. Der Levit und der Priester, sie sehen am Ende nur noch sich selbst: ihre Arbeit, ihren Dienst, ihre Not, ihre Angst. Der Samariter, damals eher Außenseiter als Trendsetter, lädt den Verletzten auf seinen Esel und bringt ihn zum Krankenhaus, das war ein Wirtshaus, und gibt sogar noch Geld, damit es dem Anderen bald wieder besser geht.

Ein Mensch, der richtig sieht, der sieht, was der andere braucht. Und der sieht auch, was er selbst bieten kann. Für beides brauche ich einen Augenblick Zeit. Nehme ich sie mir –  sehe ich die Welt mit anderen Augen.

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