Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

10.06.12; Pfarrer Uwe Rieske

Just in Time. Vom Lob der Schnelligkeit

„Wo brennt’s denn?“ fragt mich ein Freund, als er mir ins Gesicht blickt. Er erkennt sofort, dass mir etwas auf der Seele liegt. Dass wir reden müssen.

Dass kein Aufschub verzeihlich ist. Wo Menschen in Not sind, gilt es zügig und beherzt zu handeln und da zu sein.

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer, ich bin Uwe Rieske aus Bonn und arbeite als Landespfarrer in der Notfallseelsorge. Auch wir müssen rasch da sein, wenn wir gerufen werden. Wie die Mitarbeitenden in den Feuerwehren, bei der Polizei und im Rettungsdienst. Wo Leben in Gefahr ist, braucht es Menschen, die möglichst sofort am Ort sind. Hier muss schnell das Richtige getan werden: „Just in time“ – gerade rechtzeitig.

Es fasziniert mich, wie zügig und umsichtig Feuerwehrleute und Rettungsdienstler arbeiten. Sie sind gut vorbereitet und ausgerüstet, wenn sie in den Einsatz gehen. Jeder Handgriff sitzt. Nichts Überflüssiges wird getan. Es fällt kein Wort zu viel. Konzentriert und vorausschauend, aber ohne jede Hektik passiert, was geschehen muss, wenn der Alarm ausgelöst ist. In den Fahrzeugen ist alles am Platz. Die Ausrüstung ist durchgesehen, gut gepflegt und funktioniert. Alle Kräfte sind dort, wo sie gebraucht werden.

Es lässt sich etwas lernen von ihnen. Bei lebensrettenden Einsätzen geht es darum, schnell präsent zu sein. Aber nicht nur dort. Auch die Bibel kennt Geschichten, wo - „just in time“ - schnelles Handeln Not tut.

Musik Quadro Nuevo, Titel Valse pour David

Der Evangelist Matthäus berichtet, dass sich Jesus eines Abends seinen Jüngern näherte, als sie mit dem Schiff über den See Genezareth ruderten. Als Petrus Jesus erkannte, trat er aus dem Schiff und ging über das Wasser auf Jesus zu. Alsbald fing er an zu sinken und schrie: Herr, hilf mir! Auch hier brennt es, mitten auf dem See und es muss sehr rasch gehen: Alsbald, übersetzt Martin Luther - und das meint: „sofort“ - streckt Jesus die Hand aus und ergreift den sinkenden Petrus.

Gerade rechtzeitig passiert in dieser Geschichte, was Not tut. Bevor Petrus in den Fluten versinkt, greift Jesus ein. Keinen Moment zu spät. Petrus war bereits viele Wege gegangen mit Jesus, bis er über die Bordwand des Schiffes stieg. Er hat Vertrauen aufgebaut. Nun trägt ihn auch das Wasser. Ausgerechnet als ihn sein Mut verlässt und er zu sinken beginnt, wird sein Vertrauen bestätigt. Jesus greift seine Hand. Keinen Moment zu früh – just in time.

Hier braucht es keine Notfallseelsorge. Aber was wäre, wenn diese Geschichte anders verlaufen wäre? Wenn Jesus zu spät gekommen wäre mit seinem Eingreifen, wenn Petrus vor seinen Augen im Wasser versunken wäre, schreiend und Jesus und seine Jünger hätten es mit ansehen müssen, ohnmächtig und fassungslos und nicht hätten helfen können. Dann wären Fragen aufgebrochen nach Schuld und nach dem Warum und wie man es hätte verhindern können. Das wäre eine traumatische Situation gewesen. Dafür braucht es Beistand, der die  bohrenden Fragen nach dem „Warum“ und nach der Schuld mit aushält.

Für solche Lagen ist die Notfallseelsorge da. Für Zeugen von Todesfällen, für Helfer, deren Einsatz vergeblich bleibt und die ein Menschenleben nicht retten können. Für sie gibt es Pfarrerinnen und Pfarrer, aber auch ehrenamtlich Mitarbeitende, die sich genau in diesen Schrecken rufen lassen. Auch für Angehörige, denen Todesnachrichten zu überbringen sind. Auch hier gilt es schnell zu sein – bevor sich die Nachricht von einem Unfall oder Unglück herumspricht und Familien völlig unvorbereitet Unfassbares erfahren.

Oft sind es diese Umstände, die für Angehörige zur Belastung werden. Wenn Eltern spät oder nur ungenau über die Umstände informiert werden, die zum Tod ihres Kindes führten, lässt ihnen dies keine Ruhe. Meine Freundin Anke ertrank vor einigen Jahren beim abendlichen Baden in einem See. Sie hatte eine Party am Seeufer gefeiert. Kurz vor Mitternacht sprangen alle noch einmal ins Wasser. Die anderen kamen nach wenigen Minuten zurück ans Ufer. Aber Anke fehlte. Als der Rettungswagen alarmiert wurde, war es längst zu spät. Erst am nächsten Morgen wurde sie gefunden. Ihre Eltern sind bis heute nicht über diesen Tod hinweg. Sie sagen, dass sie zu spät von dem Badeunfall erfuhren. Auch der Umstand, dass man Anke in der Nacht nicht finden konnte, hat sie ganz besonders belastet.

Solche Ungewissheit über das Schicksal eines geliebten Menschen ist kaum zu ertragen und lässt keine anderen Gedanken zu. In solchen Situationen braucht es Hilfe für Angehörige und Betroffene. Menschen wie die Mitarbeitenden in der Notfallseelsorge, die Ungewissheit, Not und die Klage von Betroffenen mit aushalten. Sie versuchen, rechtzeitig da zu sein – und so lange zu bleiben, bis andere Unterstützung da ist.

Der richtige Zeitpunkt für Eingreifen und Hilfe – ihn zu erkennen und zu nutzen, daran hängt viel. Das rechte Wort zu finden, die helfende Geste, dafür braucht es Vorbereitung und Intuition im rechten Moment; man kann zu früh dran sein mit einer Information. Man kann entlasten wollen, wo es keine Entlastung gibt – aber schlimmer noch: Man kann nicht wiederkehrende Gelegenheiten verpassen.

Musik Quadro Nuevo, Titel Valse pour David

Die Erzählung vom barmherzigen Samariter erzählt von versäumten Chancen. Sie erzählt davon, dass nicht passiert, was „just in time“ passieren könnte. Ein Reisender, der von Jerusalem nach Jericho zog, fiel unter die Räuber, die ihn brutal misshandelten und ihn halbtot liegen ließen.

Der Priester und der Levit sehen ihn am Wege liegen – aber sie eilen vorüber. Schnell wenden sie ihren Kopf. Nicht hinschauen – da liegt einer. Erst der dritte, der diesen Weg zieht, ein Samariter, hält inne. Ihm hatte man es gar nicht zugetraut. Nach den religiösen Maßstäben des Volkes Israel hat er nicht den richtigen Glauben.

Sprecher: „Und da er ihn sah, jammerte es ihn und er ging zu ihm, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie ihm und hob ihn auf sein Tier und führte ihn in eine Herberge und pflegte ihn.“

Zweimal kommt die Chance des Eingreifens – und verstreicht ungenutzt: Diejenigen, die zu den angesehenen Frommen ihres Volkes gehören, schauen weg. Schnell ist er vorbei, der rechte Moment, wo jemand Hilfe braucht.

Der Samariter, von dem man es am wenigsten erwartet, wird angerührt von dem Bild, das sich ihm bietet. „Es jammerte ihn“ übersetzt Martin Luther diesen Moment, in dem das Herz des Samariters aufgeht. Diesmal geschieht, was Not tut. Alle Hilfe entwickelt sich aus diesem Augenblick, als der Samariter berührt wird von dem Anblick des Menschen, der ihn braucht. Aber auch das Zögern ist menschlich. Priester und Levit haben vermutlich Angst, in das leidvolle Schicksal des unter die Räuber Gefallenen verstrickt zu werden. Der Anblick von Leid weckt auch Abwehr. Es könnte sehr nahe kommen. Man kann sehr hilflos sein, auch dann, wenn man helfen will. Kann man nicht Dinge auch noch schlimmer machen?

Musik Quadro Nuevo, Titel Aus der Stille der Nacht

Autor: „Just in time“ – „gerade eben noch rechtzeitig“ handelt der Samariter und tut entschlossen das Richtige. Der reisende Samariter kann nur nutzen, was er in diesem Moment dabei hat, sein Reittier und seine Kleidung und sein Geld.

Damit Hilfe ankommt und ihr Ziel erreicht, hilft Vorbereitung. Notfallseelsorgerinnen und Notfallseelsorger nutzen die Zeit vor ihrem Einsatz. Wie alle Einsatzkräfte bereiten sich auf ihren Dienst gezielt vor. In ihrer Ausbildung üben sie das Überbringen von Todesnachrichten. Sie bereiten sich darauf vor, im Kreis von trauernden Angehörigen einen Menschen zu verabschieden. Sie trainieren, angemessene Worte zu finden. Es gilt zu verstehen und zu lernen, warum ein belastendes Ereignis zu einer traumatischen Situation werden kann. Und wenn es wirklich brennt, wird auch in der Notfallseelsorge mit allen Einsatzkräften rasch und entschieden mit klaren Aufgaben und Absprachen gearbeitet.

Ich habe  aus dieser Arbeit viel  für mich selbst  gelernt. Ich bin ordentlicher geworden. Ich weiß, wo ich die Dinge aufbewahre, die ich brauche, wenn es schnell gehen muss. Telefonnummern und Adressen sind bereits notiert oder im Handy gespeichert. Der Rucksack mit meiner Ausrüstung steht griffbereit. Wenn ich gerufen werde, bleibt keine Zeit, etwas zu suchen oder Organisatorisches nachzuholen. Just in time heißt in der Notfallseelsorge, ohne Verzug verlässlich da zu sein für Menschen, die Schlimmes erleben. Da zu sein für einen Abschied, für ein Gebet und Worte anzubieten, wenn die Not sie verschlingt, ist gut. Noch besser, wenn dies rechtzeitig geschieht – „just in time“.

Musik Quadro Nuevo, Titel Caruso

Autor: Aber gilt dies nicht auch im Alltag? Lässt sich daraus nicht etwas lernen für das übrige Leben? Ich finde: Ja! Oft ist es ein Gewinn, sich nicht aufhalten zu lassen, das Rechte zu tun. Viele Dinge lassen sich bei guter Vorbereitung, Planung und Konzentration rasch und zielgerichtet erledigen. Wir gewinnen Zeit für Anderes, für Schönes und Nutzloses, wenn wir sie nicht vertrödeln. Ich selbst überlege Dinge oft viel zu lange hin und her, schiebe sie auf, brüte und denke nach, was die Vor- und Nachteile einer Entscheidung sind. Oft wird die dadurch nicht besser. Wer schnell entscheidet, entlastet sich und andere. Zur rechten Zeit das Rechte tun. Zeit kann weder aufgehalten, noch zurückgeholt oder neu gewonnen werden kann. Wir können sie nur nutzen.

Sprecher: Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde: weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit; klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit; Steine wegwerfen hat seine Zeit, Steine sammeln hat seine Zeit; herzen hat seine Zeit, aufhören zu herzen hat seine Zeit; suchen hat seine Zeit, verlieren hat seine Zeit; behalten hat seine Zeit, wegwerfen hat seine Zeit; zerreißen hat seine Zeit, zunähen hat seine Zeit; schweigen hat seine Zeit, reden hat seine Zeit; lieben hat seine Zeit, hassen hat seine Zeit; Streit hat seine Zeit, Friede hat seine Zeit.

Autor: Ich höre in diesen oft zitierten Worten des Predigers keine Aufforderung zur Melancholie, weil die Zeiten so schnell wechseln. Ich höre darin den Impuls, die geschenkte Zeit wert zu schätzen und sie zu nutzen. Zeit, etwas vorzubereiten und Zeit, schnell zu entscheiden und rasch zu handeln. Wo dies geschieht, werden Chancen genutzt. Wir stehen einander bei, lange bevor es Notfallseelsorge braucht. Einem anderen Menschen zuhören, wenn er oder sie ihr Leid erzählt und selbst von dem erzählen zu können, ohne das jemand abwehrt, einfach so.

Einander zugewandt bleiben, wenn jemand ein Gespräch sucht. Leid mit aushalten und sich nicht in Vertröstungen flüchten. Zuhören und da sein. Das kann helfen und es wirkt lange nach.

Ich wünsche Ihnen Gottes Segen für diesen Sonntag und dass er weit ausstrahlt in Ihr Leben. Ihr Pfarrer Uwe Rieske aus dem evangelischen Landespfarramt für Notfallseelsorge in Bonn.

Musik: Hempel, Titel Here comes the Sun


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