Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

15.06.12; Pfarrer Matthias Köhler

Die Welt ist nicht genug

Haben Sie Ihren Sommerurlaub in Europas Süden schon gebucht? Nein? Dann sollten Sie schnell sein, bevor Griechenland oder Portugal in die Insolvenz gehen und verkauft werden

an US-Amerikanische oder Asiatische Investoren.

Aber mal ernsthaft: Es ist  noch gar nicht lange her, da wurde 2009, nach der gewaltigen Finanz- und Wirtschaftskrise, laut nach Alternativen zum derzeitigen Finanzsystem gerufen. Neue Sozialsysteme wurden überdacht, ein Finanzsystem ohne Zinsprinzip, eine Wirtschaft ohne Wachstumsdogma. Der Schock saß tief. Die Wirtschaft der Welt müsse dem Wohl der Menschen – aller Menschen dienen, war das Credo. Aber geändert hat es nichts. Die Wirtschaft wächst wieder – zumindest in Deutschland, Steuereinnahmen sprudeln und Banken spekulieren wie eh und jeh – auch mit riskanten Finanzprodukten.

Umso besorgniserregender ist es, wenn der Zweifel am weltweit herrschenden Finanzsystem ausgerechnet dort weiter wächst, wo es niemand erwartet hätte: Im Lager der Konservativen und Wirtschaftsliberalen. Ausgerechnet die Frankfurter Allgemeine Zeitung warf die Frage auf, ob die Linke mit ihrer grundsätzlichen Kapitalismuskritik nicht doch recht hätte. Und aus Kreisen des Davoser Weltwirtschaftsforums ist zu hören, dass „der Kapitalismus wohl ein bisschen veraltet ist und nicht mehr in die heutige Zeit passt.“

Warum die Zweifel? Weil unser Wirtschaftssystem, das jedes Jahr aufs neue ein immerwährendes Wachstum braucht, um nicht wie ein stillstehendes Fahrrad umzukippen,  an die härteste Grenze stößt, die es gibt: die Erde und ihre begrenzten Ressourcen. Der Club of Rome hat jüngst gewarnt, dass die Menschheit die Ressourcen der Erde inzwischen ausgereizt hätte.

Nun streben aber weltweit Milliarden Menschen nach immer neuen Häusern, Autos, Computern, Kühlschränken und Klimaanlagen. Aber es ist ausgeschlossen, dass die Erde es verkraftet, wenn weltweit drei Milliarden Autos fahren und alle Menschen so viel konsumieren, kühlen und Müll produzieren, wie es Europäer und Amerikaner tun.
Die Denker des Club of Rome glauben nicht länger an die Selbstheilungskräfte des Marktes. Das Prinzip von Angebot, Nachfrage und Gewinnmaximierung sei nicht in der Lage, die Herausforderungen endlicher Rohstoff- und Energiereserven zu meistern. Auch sei der Wert des Wachstums –in Form von Gier nach immer mehr- schon längst in unsere Mentalität eingegangen. Das allerdings ist keine neue Erkenntnis. Schon Jesus von Nazareth warnte vor 2000 Jahren seine Zeitgenossen: Ihr könnt nicht zwei Herren dienen – Gott und dem Mammon.

Und fordert damit genau das, was nach der großen Krise 2009 auch laut gefordert wurde. Ein Umdenken. Eine Weltwirtschaft, die nicht auf dem Prinzip des größten Gewinnes basiert, sondern auf dem Prinzip weltweiten Gemeinwohls. Nicht Konkurenz sondern Kooperation als Motor der Entwicklung. Nicht das ungehemmte Spiel der Spekulation, sondern verbindliche Grenzen der Belastung von Umwelt und Klima.

Wie wollen wir leben – das ist die entscheidende Frage, der wir uns stellen müssen.

Eine weltweite Wegwerfgesellschaft ist mit dem Ziel einer lebenswerten Zukunft unvereinbar. Die Welt hat genug für Jedermann“ stellte Mahatma Ghandi einst fest, „aber nicht für jedermanns Gier.“

Ihr könnt nicht zwei Herren dienen. Es ist Zeit, zum Umdenken. Um Gottes Willen.

Audiobeitrag Die Welt ist nicht genug


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