Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

12.06.12; Pfarrer Sven Keppler

Reue

Das handgeschriebene Buch hatte unschätzbaren Wert. Es war eine Bibel aus dem fünften Jahrhundert, die das Alte und das Neue Testament umfasste.

Dieses Prachtstück gehörte dem berühmten Mönch Gelasios. Der hatte es in der Kirche seines Klosters ausgelegt, damit alle Brüder darin lesen konnten. Wir wüssten heute nichts mehr von diesem Kodex, wenn er nicht gestohlen worden wäre. In einer Sammlung von Mönchsworten aus der Spätantike wird die Geschichte dieses Diebstahls berichtet. Einmal wurde im Kloster ein Mönch gemeldet, der Gelasios besuchen wollte. Der zeigte seinem Gast das Kloster und natürlich auch die wertvolle Bibel. Schon beim Blättern spürte er die Unruhe des Fremden und beschloss, ihn im Auge zu behalten. Und tatsächlich: Als es tiefe Nacht geworden war, sah Gelasios ihn in die Kirche schleichen. Am nächsten Morgen war der Besucher verschwunden. Und das kostbare Buch lag nicht mehr an seinem Platz.

Gelasios wäre jedoch nicht er selbst gewesen, wenn er nun wie jeder andere reagiert hätte. Er schlug keinen Alarm. Sagte auch seinen Mitbrüdern nichts und sorgte nicht dafür, dass der Dieb verfolgt wurde. Nahm er es als eine Übung, sich nicht an materielle Dinge zu klammern? Wollte er verhindern, dass der bücherliebende Dieb bloßgestellt und bestraft wurde? Oder vertraute er darauf, dass Gott die Dinge fügen würde und die Bibel an den Ort käme, wo sie sein sollte?

Der Fremde hatte den Kodex jedoch nicht aus Liebe zur Heiligen Schrift entwendet. Er eilte nämlich in die nächste Stadt und versuchte, das Buch so teuer wie möglich zu verkaufen. Bei den seriösen Händlern wurde er abgewiesen. Aber einer gab ihm einen Tipp: Versuche es zwei Straßen weiter. Dort wohnt ein reicher Sammler. Ihm kannst Du das kostbare Werk vielleicht verkaufen.

Und so geschah es. Der habgierige Mönch zeigte dem Sammler das Buch und bot es für sechzehn Goldstücke zum Verkauf. Der willigte ein. Jedoch nur unter der Bedingung, dass er es zuvor einem Experten vorlegen dürfe, der seinen Wert bestätigen sollte.

Der Sammler dachte dabei an keinen anderen als Gelasios, was der Dieb aber natürlich nicht wusste. Und so hielt der berühmte Mann noch am selben Tag das Buch wieder in seiner Hand – nur, um wieder auf erstaunliche Weise zu reagieren. Er sagte nämlich: „Kaufe das Buch. Es ist gut gearbeitet und seinen Preis wert.“

So kehrte der Sammler zurück und erzählte dem Dieb von seinem Besuch im Kloster. „Im Kloster?“, fragte der Fremde mit belegter Stimme. „Ja, ich habe Gelasios um Rat gefragt, der ein großer Kenner solcher Bücher ist. Er riet mir, es zu kaufen.“ – „Sonst hat er nichts gesagt?“ – „Nein, nichts.“

Der Dieb war wie vom Blitz getroffen. Gelasios hatte den wertvollen Besitz wieder in seinen Händen gehalten und dennoch die Freiheit gehabt, ihn wieder loszulassen. Er kannte seinen Wert und blieb doch gelassen. Er hätte den Betrüger verfolgen können und ersparte ihm dennoch die Schmach.

Es wird erzählt, dass der Mann das Buch nicht verkaufte. Tief in seinem Gewissen berührt, brachte er es ins Kloster und gestand seine Schuld. Gelasios wollte es jedoch nicht zurück nehmen. Erst als der Fremde sagte: „Nimm es, sonst werde ich keine Ruhe mehr finden“ – da nahm es der weise Mann wieder an sich.

Quelle: Apophthegmata Patrum 176

Audiobeitrag Reue


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