Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

11.06.12; Pfarrer Sven Keppler

Den Bogen nicht überspannen

Die Pyramiden interessierten ihn nicht. Er wollte auch keine Nilkreuzfahrt erleben oder in das brodelnde Leben Kairos eintauchen. Er brauchte etwas ganz anderes:

Der Zivilisation wollte er entkommen. Und ein ursprüngliches Abenteuer erleben: die Jagd in der Wüste.

Leisten konnte er sich das. Er war ein erfolgreicher Händler an einer Warenbörse am Mittelmeer. Arbeitete sechs Tage die Woche rund um die Uhr. Stand ständig unter Strom. Musste Menschen innerhalb von Sekunden einschätzen, um den richtigen Ton für sie zu finden. Alle paar Monate brauchte er Abstand von dieser Welt. Am besten war dann die Einsamkeit der Wüste. Ihre Stille. Ihre sengende Hitze am Tag und ihre klare Kälte in der Nacht. Keine Zwischentöne. Sondern große Eindeutigkeit. Das liebte er, um seinen Kopf wieder klar zu kriegen.

Nichtstun hätte er jedoch nicht ausgehalten. Wer weiß, wovor er Angst hatte. Vor der Depression, die in der Ruhe lauerte? Vor dem Zerreißen der Nerven, die immer eine Herausforderung brauchten? Oder davor, sich nie wieder zur Arbeit aufraffen zu können, wenn der Motor erst einmal ausgestellt sein würde?

Deshalb die Jagd in der Wüste. Stille. Einsamkeit. Und gleichzeitig eine Herausforderung, die ihn unter Strom hielt. Er verachtete Menschen, die ihr Leben mit unnützem Zeug zubrachten. Und dann kam er in die Nähe einer Mönchssiedlung. Der Einsiedler Antonios hatte sie ein paar Jahre zuvor gegründet.

Der Jäger hatte von den Mönchen schon viel gehört. Wie sie in der Einsamkeit lebten. Auf alles Unnötige verzichteten und nur etwas Brot und Salz aßen. Wie sie ihr ganzes Leben einer übermenschlichen Herausforderung widmeten: dem unablässlichen Gebet. Seinen besonderen Respekt bekamen sie dadurch, dass sie neben dem Beten beständig arbeiteten. Keine unproduktiven Nichtstuer, sondern ernsthafte, leistungswillige Männer.

Wie entsetzt war er, als er dann die Mönche zum ersten Mal mit seinen eigenen Augen sah. Sie saßen auf Matten im Kreis und lachten. Anscheinend waren sie gerade mit einem Spiel beschäftigt. Dann standen sie auf, entfernten eine Matte und liefen solange im Kreis, bis ein Greis in die Hände klatschte. Sie stürzten auf die Matten. Einer fand keinen Platz und musste stehen bleiben. Wieder lachten alle herzlich.

Der Jäger spürte, wie der Zorn in ihm aufstieg. Das waren also die berühmten Einsiedler! Die ernsthaften Asketen, die ihr ganzes Leben dem Gebet und der Arbeit widmeten. Alberne Kindsköpfe! Er ging zu dem Greis und fragte ihn, ob es hier immer so fröhlich sei. Die Verachtung in seiner Stimme versuchte er nicht einmal zu verbergen.

„Lege einen Pfeil auf deinen Bogen und spanne ihn!“ sagte der Greis zu ihm. Er machte es so. „Spanne noch mehr!“ Und er spannte. Wieder forderte der Greis ihn auf: „Spanne!“ Da antwortete ihm der Jäger: „Wenn ich zu sehr spanne, dann bricht der Bogen.“ Da belehrte ihn der Greis: „So ist es auch mit dem Werk Gottes. Wenn wir die Brüder über das Maß anstrengen, versagen sie schnell. Man muss ihnen also ab und zu entgegenkommen.“

Diese Geschichte aus der Wüste wird seit 1.700 Jahren erzählt. Der Jäger ging beeindruckt fort und hatte vor allem etwas über sich selbst gelernt.

Quelle: Apophthegmata Patrum 13

Audiobeitrag Den Bogen nicht überspannen


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