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Herz
Guten Morgen, liebe Hörerin, lieber Hörer! Sie schrieben sich ergreifende Briefe. Helmuth James und Freya von Moltke.
Der Gefängnispfarrer Helmut Poelchau schmuggelte sie 1944 und 45 ins Gefängnis in Berlin-Tegel und wieder hinaus. Helmuth war von Nazis verhaftet worden, weil er Mitglied in einer Widerstandsgruppe war.
Sprecher: (Helmuth James Graf von Moltke) (S. 240) Tegel, den 26. November 1944, Mein Herz, der Herr erhalte Dir Dein Gleichmaß, auch wenn er mich zu sich ruft. Heute ist Totensonntag, und ich habe den Tag mit [der Bibel] (.,,) begonnen. Man gedenkt ja vor allem derer, die uns vorangegangen sind, aber heute ist es natürlich so, dass wir beide wohl mehr noch meinen Tod bedenken
. Mein Herz, meine Gedanken suchen Dich immer und finden Dich stets. Es kommt mir manchmal vor, als seist Du mein Herz, das ganz groß und ruhig weiterschlägt, was immer geschieht, weil es eben nicht von meinem Nervensystem abhängt, sondern seine Kraft und Stabilität aus anderen Quellen schöpft. Verstehst du das?
Sprecherin: (Freya von Moltke) (S. 244) Mein Jäm, Dein Satz über das Herz, das ich sein soll, macht mich sehr glücklich. Ich glaube, ich verstehe auch, was Du meinst. Wie gerne möchte ich im¬mer weiter für Dich schlagen, wie schön, dass Du es manchmal so emp¬findest. Als ich hier an dem runden Tisch in Frieden saß und Deinen mir so lieben Brief in Deinen lieben Buchstäblein entzifferte und an den schönen Satz kam, wurde ich mir unseres großen Glücks wieder so stark bewusst. Welcher Reichtum ist uns geschenkt, mein liebster Jäm, und welch eine Gnade, das in seiner ganzen schönen Fülle empfinden zu dür¬fen. Dem gegenüber verblassen dann wirklich die Abschiedsschmerzen und es bleibt das Gefühl des unverlierbaren kostbaren Besitzes.
Autorin: In ihren Briefen haben die Eheleute ein Zeichen gesetzt: für ihre Liebe und gegen geistige Enge und Gewalt. Sie haben der Gewalt so wenig Raum gegeben wie nur möglich, und haben stattdessen die Liebe und Gnade Gottes in ihrem Leben täglich ausgemessen und einander davon geschrieben.
Welcher Reichtum ist uns geschenkt und welch eine Gnade. Das Gefühl des unverlierbaren Besitzes bleibt. Etwas beschämt lese ich diese Zeilen Freyas. Aus ihnen spricht große Lebensstärke. Als Helmuth zwei Monate später in Berlin-Plötzensee hingerichtet wurde, war er 38 Jahre, sie 33 Jahre alt. Kurz darauf verlor sie auch das Gut Kreisau, auf dem sie gelebt hatten. Hier hatte sich der so genannte Kreisauer Kreis getroffen: eine Widerstandsgruppe gegen das nationalsozialistische System, in dem sich Persönlichkeiten aus allen gesellschaftlichen Schichten trafen: aus dem Bürgertum, dem Adel, der Arbeiterbewegung, dem Katholizismus und dem Protestantismus. Sie entwarfen die politische, europäische Zukunft nach dem Hitler-Regime. Nach dem Krieg: Niederschlesien wurde polnisch. Wie Millionen andere Flüchtlinge führte der Weg Freya in ein anderes Land. Mit ihren beiden Söhnen und den geretteten Briefen ging sie nach Südafrika und wurde Sozialarbeiterin. Mitte der 70iger Jahre knüpfte sie persönliche Beziehungen nach Polen.
In der Zeit des politischen Umbruchs 1989 schlossen sich Menschen aus Polen und Deutschland zusammen, um in Kreisau eine Begegnungsstätte für die europäische Jugend zu errichten. Es entstand die Stiftung Kreisau für Europäische Verständigung. Sie ermöglicht jungen Europäern bis heute eine Sicht auf die Zukunft, die frei ist von rassistischen und religiösen Vorurteilen. Freyas und Helmuths Herzen schlagen weiter.
Daran erinnerte heute Ihre Pfarrerin Viktoria Keil aus Barntrup.
Alle Zitate aus: Helmuth James und Freya von Moltke: Abschiedsbriefe Gefängnis Tegel. September 1944-Januar 1945; Verlag C.H. Beck Herausgegeben von Helmuth Casper von Moltke und Ulrike von Moltke 2011
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