Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

12.06.12; Pfarrerin Viktoria Keil

Bleibt behütet

Guten Morgen, liebe Hörerin, lieber Hörer! Eine Goldene Hochzeit zu erleben, ist schon etwas Besonderes:

Manchmal fassen Freunde, Kinder und Enkel zusammen, was aus ihrer Sicht für das Jubelpaar prägend war. In Gedichten, Fotos und kleinen Reden oder sogar Theaterstücken entsteht Stück für Stück ein Mosaik vom Leben des Paares.. Da es ja ein Fest der Freude sein soll, geht es vor allem um das, was gelungen ist. Die schöne gemeinsame Urlaubsreise, der Einzug ins neue Haus, Taufen und Geburtstage, das gewonnene Fußballturnier oder das Reibeplätzchenbacken beim Straßenfest.
Magische Momente, die über die Jahre nicht an Strahlkraft verloren haben.

Schwieriger ist es, einander zu sagen, was nicht so gut gelungen ist in der Beziehung:  Um Vergebung zu bitten, Trennendes auszuräumen. Und noch schwieriger ist es, in die Tiefe zu gehen: Überhaupt zu sagen, was mir ein Mensch bedeutet.

Manche Menschen spüren, dass sie dem Tod näher kommen. Mir fiele es sicher ziemlich schwer, in Gedanken mit meinem möglichen Tod zu rechnen. Und dann noch meinen zurückbleibenden liebsten Menschen zu sagen, was ich ihnen für die Zeit wünsche, die ich nicht mehr erleben werde. Für Menschen, die mit meinem Tod leben müssen, kann es eine Hilfe sein, wie eine Liebeserklärung, die ein Leben lang begleitet. Manchmal ist die Zeit, die für eine solche Liebeserklärung bleibt, nur kurz.

Einer, der keine Zeit mehr hatte, war Helmuth James Graf von Moltke. Er stand unter großem Druck, denn er saß im Gefängnis in Berlin-Tegel. Das war Ende des 2. Weltkrieges. Von Moltke rechnete täglich mit seinem Tod und schrieb seinen Kindern, was ihm für ihr späteres Leben wichtig war. Sie waren sieben und vier Jahre alt.

Sprecher: (Helmuth James Graf von Moltke) (Am 11. Oktober 1944)(S. 63 f)
Lieber Caspar, lieber Konrad,
Da ich in wenigen Tagen wahrscheinlich nicht mehr leben werde, und da ich Euch deshalb in Eurem Leben nicht werde beistehen und helfen können, so will ich, solange ich noch Zeit habe, Euch wenigstens einen Brief schreiben. (…)
Mit dem wichtigsten will ich anfangen. Habt euch und eure Mutter immer und ganz unverrückbar lieb. Seht, ich habe von meiner Mutter so viel Liebe und Wärme mitbekommen, dass ein Mensch davon sein ganzes Leben zehren und sich erwärmen kann.
Ich will Euch nur sagen, dass ich in der Gewissheit sterbe, dass ich durch Jesum Chris¬tum zu Gott eingehen werde und dass in Seiner Liebe wir vier, eure Mutter …, Ihr beide und ich, immer vereint sein werden; niemand kann wissen, wie und deswegen kann man danach auch nicht fragen. Ich sage es auch nicht, damit Ihr das glauben sollt: so etwas kann einem nicht von einem anderen gesagt werden, entweder man weiß es oder man weiß es nicht; es ist eine Gnade, es zu wissen. Ich sage es Euch, damit Ihr wenigstens einen wichtigen Bestandteil von mir kennt, und vor allem, damit Ihr vor die¬sem Glauben, auch wenn Ihr ihn nicht teilt; Ehrfurcht habt. Man muss vor jedem Glauben seiner Mitmenschen Ehrfurcht haben, denn das ist der wichtigste Punkt in jedem Menschen…Die Sache, wegen derer ich umgebracht werde, wird in die Geschichte eingehen, und kein Mensch weiß, wie. Euch will ich aber folgendes sagen:
ich habe mein ganzes Leben lang, schon in der Schule, gegen einen Geist der Enge und der Gewalt, der Überheblichkeit und der mangelnden Ehr¬furcht vor Anderen, der Intoleranz und des Absoluten, erbarmungslos Konsequenten angekämpft…
Meine lieben Söhnchen, … ich kann nur bitten, dass der Herr euch segnen und behüten möge.
Von Herzen euer Helmuth

Vermutlich hat es Helmuth von Moltke erleichtert, dass er diesen Brief abgeschickt hat. Wie gut, dass seine Kinder von seinem tiefen Glauben erfuhren.

Ihre Pfarrerin Viktoria Keil aus Barntrup.

Alle Zitate aus: Helmuth James und Freya von Moltke: Abschiedsbriefe Gefängnis Tegel. September 1944-Januar 1945, Verlag C.H. Beck Herausgegeben von Helmuth Casper von Moltke und Ulrike von Moltke 2011.

Audiobeitrag Bleibt behütet


Druckversion

Suche

Sendungen der Woche

Sendungen am Sonntag

Sendungen im Fernsehen