Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

07.06.12; Nicole Richter

Gegen die Wand

Er hat sich entschieden, zu gehen. Das Leben mit den Kindern hatte er sich anders vorgestellt. Es sei zu anstrengend, sagt er.

Für sich habe er keine Zeit mehr, zu wenig Freiraum neben Job und Familie. Jetzt ist er weg. Wohnt eine Straße weiter. In einer kleinen Wohnung. Alleine. Und ist glücklich. Und sie? Sie sitzt mit den zwei kleinen Kindern in der alten Wohnung, die  bis vor ein paar Wochen noch ihre gemeinsame war. Manche Regale sind leergeräumt. „Platz für Neues“, sagt sie und lächelt ironisch. An den Wänden hängen noch Familienfotos. Glücklich grinsen die Gesichter in die Kamera. Das war im vergangenen  Sommer. Jetzt ist der Traum vom Familienglück  geplatzt.

Szenenwechsel

Ich sitze im Sessel mit einer Tasse Tee und schaue in den Garten.“ Schön, wie alles so blüht“ , denke ich und genieße den Augenblick. Als plötzlich mit voller Wucht ein kleiner Vogel gegen mein Fenster fliegt. Ein dumpfer Knall, ein Fleck am Fenster. DerVogel liegt reglos am Boden. So muss sie sich fühlen, denke ich. Die Frau mit den zwei Kindern, verlassen in der Wohnung. Wie vor die Wand geworfen. Vor den Kopf gestoßen.

Der kleine Vogel bewegt sich nicht. Nur sein Herz klopft. Es dauert eine gefühlte Ewigkeit, dann hebt er langsam den Kopf und dreht ihn. Nach links. Nach rechts. Irgendwann setzt er sich auf. Sieht mich. Und fliegt los. Auf einem Ast im Fliederbaum findet  er Schutz, dort ruht er sich aus. Sucht nach Orientierung. Auf einmal höre ich einen leisen, feinen Ton. „Er zwitschert wieder!“, höre ich mich erleichtert sagen. Und da ist er auch schon weg, der Vogel.

Szenenwechsel

Silke und Reiner sind seit zehn Jahren verheiratet. Letztes Jahr haben sie sich getrennt. Auf die Frage warum, antworten beide einstimmig: „Es ging nicht mehr“. Dabei lächeln sie versöhnt. Ihr gemeinsamer Sohn wohnt bei Silke. An den Wochenenden ist er meistens bei Reiner. Aber einmal in der Woche kommen alle zusammen: Sonntags im Kindergottesdienst. Dort spielen sie gemeinsam in der Band. Silke singt. Reiner spielt Schlagzeug. Und Florian sitzt bei Papa auf dem Schoß. Alles ist  dann ein bisschen so wie früher. Und doch ganz anders.

Ich wünsche der verlassenen Frau und dem Mann, dass sie irgendwann wieder aufstehen wie der kleine Vogel. Sich umschauen. Ihr Leben neu sortieren. Und irgendwann einen anderen Weg für sich finden. Wie Silke und Reiner. Mit der Gewissheit des Psalms 23 aus dem Kindergottesdienst:“ Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir.“

Audiobeitrag Gegen die Wand


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