Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

02.06.12; Präses Nikolaus Schneider

Gott nicht loslassen

Es gibt Menschen, liebe Hörerin, lieber Hörer, die hadern mit ihrem Schicksal. Weil sie nicht einsehen und nicht verstehen können, warum es ihnen so schlecht geht.

Warum das Unglück sie zu verfolgen scheint. So wird es uns auch in der biblischen Geschichte von Hiob erzählt. Ein Schicksalsschlag folgt dem nächsten: Verlust der Viehherden und der Ernte; dann der Tod seiner Kinder. Hiobs Leben gerät zu einem einzigen Albtraum.

Seine Freunde besuchen ihn und stehen ihm in eindrucksvoller Weise bei. Doch auch sie fragen nach den möglichen Gründen für das Unglück, das Hiob getroffen hat. Sie wollen und können nicht glauben, dass er sein Unglück nicht doch irgendwie verdient hätte.

Denn: Gott würde doch nicht so ungerecht sein und guten Menschen soviel Unglück widerfahren lassen! Hiob hält dagegen und beharrt darauf: Er hat sein Schicksal nicht verdient! Aber warum dann Gott weiter verehren, sich weiter an ihn halten? Hiobs Frau scheint konsequenter zu sein. Sie rät zum Abfall vom Glauben an diesen Gott: „Sage Gott ab und stirb!“ Hiob aber lässt Gott nicht los, wendet sich nicht ab, wirft seinen Glauben nicht weg. Ganz im Gegenteil: Er will sein Schicksal verstehen und einordnen können. Und er ringt mit sich und mit Gott um die Frage nach Maß und Grenzen der menschlichen Weisheit und Einsicht.

Sprecherin: „Siehe, die Furcht des Herrn, das ist Weisheit, und meiden das Böse, das ist Einsicht.“ (Hiob 28,28)

Hiob will in all seinem Unglück wenigstens seine Würde bewahren. Er weiß, dass er durch seinen Schmerz sich selbst verlieren kann. Dass er seine Identität zerstört, wenn er sich innerlich von allem trennt, was ihm bisher wichtig war und was seinem Leben Halt und Ziel gab. Wenn er nur noch sein Unglück zum Thema macht. Wenn er seine Überzeugungen und seinen Glauben aufgibt. Wenn er sein Gespräch mit Gott abbricht. Deshalb tritt Hiob gleichsam geistig einen Schritt zurück und denkt ganz grundsätzlich über Weisheit und Einsicht nach. Und er erkennt: Gerade wenn es ganz schwer wird, wenn das Leben kaum noch auszuhalten ist, dann ist Weisheit wichtig und nötig. Aber was ist Weisheit und wo ist sie zu finden?

In anschaulicher Weise beschreibt Hiob den Bergbau seiner Zeit und die großen Schätze, die dabei zu Tage gefördert werden. Dort aber ist Weisheit nicht zu finden. Sie ist unendlich mehr und anderes als Erze und Edelsteine, Silber oder Gold, auch als alle Ingenieurskunst. Weisheit und Einsicht sind allein bei Gott zu finden, davon ist Hiob überzeugt. Deshalb bleibt es wichtig, liebe Hörerin, lieber Hörer gerade im Unglück und in unseren dunklen Stunden:  Gott nicht loslassen. Mit Gott im Gespräch bleiben, auch wenn mir jedes Gotteslob im Hals erstickt und ich nur noch meine Klagen vor Gott bringen kann. An der Ehrfurcht vor Gottes Wirken festhalten und zugleich auf Gottes Menschenfreundlichkeit vertrauen. Das ist die Weisheit, die uns trotz aller Schicksalsschläge nicht zuschanden werden lässt – selbst wenn wir Gottes Wege mit uns nicht verstehen. Denn Gott verlässt seine Menschen nicht, in keiner Katastrophe, auch im Sterben und im Tode nicht.

Wie auch immer es Ihnen heute gehen mag: Gott schenke Ihnen die Weisheit, sein Weggeleit in allen Höhen und Tiefen Ihres Lebens zu erkennen. Das wünscht Ihnen Ihr Präses Nikolaus Schneider aus Düsseldorf.

Audiobeitrag Gott nicht loslassen


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