Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

02.06.12; Pastorin Beate Raguse

Liebe

Unser Herz schlägt. 60 bis 80 mal pro Minute. Mit mehr als 100.00 Schlägen pro Tag pumpt es das Blut durch den Körper, versorgt ihn mit Sauerstoff und Nährstoffen,

reguliert die Körpertemperatur und ist zur Stelle, wenn wir uns verletzen. Doch: Wofür schlägt das Herz noch?

Wofür schlägt Ihr Herz? Für Ihre Kinder? Für den Mann oder die Freundin? Für die Arbeit? Für eine gute Sache oder eine Überzeugung? Was lässt es schneller schlagen und was macht, dass es aussetzt? War Ihr Herz in letzter Zeit mal gebrochen? Wie wurde es wieder geheilt? Oder anders gefragt: Wie wichtig nehmen Sie die Liebe ? Zu sich und zu anderen? Wenn Sie es wichtig nehmen, nehmen Sie sich 30 Sekunden Zeit. Für einen sehr alten biblischen Text.

Sprecherin:  Wenn ich mit Menschen – und mit Engelszungen redete
und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönend Erz oder eine klingende Schelle.
Und wenn ich alle Geheimnisse wüsste und hätte alle Erkenntnis und allen Glauben, 
so dass ich Berge versetzten könnte, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts.
Und wenn ich alle meine Gabe den Armen gäbe und ließe meinen Leib brennen
und hätte der Liebe nicht, so wäre es mir nichts nütze.
1.Korinther 13, 1 ff

Autorin: Ein pointierter Text. Einer, der vieles, was heutzutage als wichtig und richtig gilt, in Frage stellt. Denn er sagt: Auch wenn ich die tollste Rednerin wäre, wenn ich die Massen mitreißen könnte, wenn die Menschen an meinem Lippen hingen. Wenn ich Leitlinien aufsetzen könnte, die alle sofort unterschreiben wollten, solange ich es ohne Liebe tue, bin ich wie ein lautes Instrument, bin berauscht von meiner Wirkung, aber ohne Interesse am anderen.

Und wenn ich noch so klug wäre, wenn ich alles wüsste, sogar, was die Zukunft bringt, wenn ich eine wandelnde Wikipedia wäre, alles verstehen würde, auch wenn ich allen Glauben hätte, hätte aber keine Liebe, so wäre all das nichts.

Und wenn ich alles, was ich habe, verschenken würde, wenn ich mich aufopfern würde für andere, solange ich es ohne Liebe tue, zählt es nicht. Ein radikaler Text, der ganz unterschiedliche Reaktionen hervorruft; als weltfremd oder überfälliges Korrektiv zur political correctness, als motivierend oder anklagend empfunden wird. Worte, die verärgern können. Wenn man müde nach der Arbeit einkaufen geht und einem Obdachlosen seine Zeitung abkauft. Nicht aus Liebe, sondern weil er schon so erwartungsvoll guckt. Wenn man sich nur noch lustlos zur Arbeit schleppt, Kunden und Kollegen nerven, Überstunden drücken. Aber die Miete muss bezahlt werden und der Urlaub. Da heißt es: pragmatisch sein. Immer mit Liebe geht nicht.

Und Worte, die -gerade in schlechten Zeiten- einen Gegenpol bilden. Weil sie  rausreißen und erinnern; es ist die Liebe, die zählt, die dem Leben Sinn gibt, es ist Liebe, die aus einem Hobby eine Leidenschaft macht, es ist die Liebe, die das Leben lebenswert macht, die ihm Tiefe gibt. Davon erzählt dieser alte biblische Brief, den Paulus einst  an die Korinther schrieb. Es gilt also, nicht kritisch zu gucken, wo wir nicht lieben. Sondern an dem dranzubleiben, das zu verfolgen, was lebendig macht und uns dazu bringt, uns verwurzelt zu fühlen, wach zu sein. Denn es ist die Liebe, die das Leben intensiver werden lässt. Da sein, wo das Herz schlägt.

Audiobeitrag Liebe


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