Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

30.05.12; Pfarrer Jönk Schnitzius

Kapitän meiner Seele

„Ich bin der Kapitän meiner Seele“ sagte Nelson Mandela, nachdem er aufrecht, zuversichtlich und froh aus seiner 27jährigen Haft entlassen wurde.

„Ich bin der Herr meines Schicksals. Ich bin der Kapitän meiner Seele“. Das war auch Nelson Mandelas Antwort auf die Frage, ob und wenn ja, wie er denn verzeihen könne.  

Wie gesagt: Nachdem er ein Drittel seines Lebens hinter Gittern verbringen musste,  als Führer der Antiapartheidsbewegung in Südafrika, als Kämpfer für Freiheit und das gleiche Recht für alle Menschen, unabhängig von Herkunft, Hautfarbe oder Überzeugung.

Mandela zitiert damit William Hensley, den englischen Dichter, dessen Leben von Jugend an von schwerer Krankheit geprägt ist. Als Christ  beeindruckt mich die in Anspruch genommene Freiheit dieser Sätze. Schließlich schrieb Apostel Paulus im  Brief an die Galater: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit. So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auferlegen!“  (Gal. 5,1-9) Auch nicht der Knechtschaft von Unrecht oder Krankheit scheinen Mandela und Hensly hinzuzufügen.

Denn beide nehmen sich die Freiheit, ihre Situation selbst zu bewerten, selbst einzuordnen. Sie bleiben die Kapitäne ihre Lebens und lassen sich eben nicht von den Wogen des Schicksals, ob nun Gefängnis oder Krankheit, überrollen.

Sicher: Wenn man gesund und in Freiheit lebt, sind diese Sätze leicht. Und zynisch, wenn sie die ganze Härte des Unrechts oder der Krankheit nicht beim Namen nennen. Nach dem Motto: alles nicht so schlimm.

Nein. Ich kann mir es nicht anders vorstellen, als dass Mandela in seiner Zelle geklagt, gezweifelt und vielleicht sogar gehasst hat. Und dass der Dichter Zeiten hatte, in denen  er vom Schmerz in seiner Krankheit überwältigt wurde. Nur: Weder Mandela noch Hensly haben den schweren Umständen, haben dem Unrecht und der Krankheit erlaubt, die Herrschaft über die Bewertung ihres Lebens zu übernehmen. Schließlich gab es für Beide eine Alternative: Rache üben  - und eben nicht verzeihen, für Mandela. Verzweifeln und sich zum Opfer seiner Krankheit machen bei Hensly.

Ich denke an Sätze wie: „Da kann man nicht machen“ „Das war schon immer so“, die den jeweiligen schweren Umständen die Herrschaft überlassen. Und binden. Hass bindet. Schmerz auch. Die Freiheit die Christus schenkt ist nicht die Freiheit von Hass oder Schmerz. Es ist die Freiheit, durch Hass und Schmerz hindurchzugehen. In der Vision, im Glauben auf ein Leben nach alldem Schweren. Hier auf Erden. Und im Himmel. In Gottes Sonne. Niemand hat gesagt, dass man den Weg durch Hass und Schmerz hindurch allein gehen muss.Es gibt Menschen, die mitgehen. Es gibt einen Gott, der hört. Ich kann entscheiden: „Ich bin der Herr meines Schicksals. Ich bin der Kapitän meiner Seele.“

Audiobeitrag Kapitän meiner Seele


Druckversion

Suche

Sendungen der Woche

Sendungen am Sonntag

Sendungen im Fernsehen