Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

15.05.12; Pfarrer Eberhard Helling

Gib uns einen König

Denken Sie auch manchmal, wie schön es wäre, wenn wir einen richtigen König oder eine richtige Königin hätten – so wie die Briten oder die Niederländer?

Mit Hofstaat und Schloss, mit Klatsch, Tragödien und großen Versöhnungsszenen. Es wird ja immer wieder einmal behauptet, dass wir so etwas gerne hätten – vielleicht, weil wir dann unsere eigenen kleinen Tragödien und Komödien auf großer Bühne wiederfänden. Diese Sehnsucht scheint so alt zu sein wie die Menschheit.

So wird im Ersten Testament der Bibel erzählt, dass in der ganz alten Zeit, als das Volk Israel noch ein loser Haufen von Familienverbünden ist, der Wunsch nach einem König aufkommt. Dieser Wunsch wird dem Propheten Samuel vorgetragen. Der ist entsetzt. Er rechnet den Leuten vor, was es für Folgen hat, einen König über sich zu haben.

Sprecher: Ihr müsst euch im Klaren darüber sein, welche Rechte ein König für sich in Anspruch nehmen wird. Er wird eure Söhne in seinen Dienst holen, damit sie für seine Pferde und Wagen sorgen und vor ihm herlaufen, wenn er ausfährt. Einen Teil wird er zu Hauptleuten und Obersten machen, andere müssen seine Felder bestellen und abernten, wieder andere Waffen und Streitwagen herstellen. Auch eure Töchter wird er an seinen Hof holen, damit sie für ihn kochen und backen und ihm Salben bereiten. Die besten Felder, Weinberge und Ölbaumpflanzungen wird er euch wegnehmen und seinen Beamten geben... Ihr alle werdet seine Sklaven sein! (1. Samuel  8,11ff)

Autor: Hinter dieser ausgesprochen kritischen Sicht auf das Königtum steht zunächst die Befürchtung der sozialen Konsequenzen. Immer wenn einige Menschen über andere herrschen, wird es zu Unterdrückung kommen. Die Herrschenden  werden überzogene und ungerechtfertigte Ansprüche stellen,  die von den anderen zu bedienen sind. Aber merkwürdig - Menschen lassen sich darauf ein. Sie erhoffen sich vielleicht etwas mehr Sicherheit; vielleicht meinen sie auch, so die Verantwortung für Lebensbereiche los zu werden, die sie nicht nach ihren Vorstellungen gestalten können: Schuld sind dann die da oben. Der Prophet Samuel stößt das Volk mit der Nase drauf:  „Damit kommt ihr nicht durch! Überlegt euch gut, was das für Konsequenzen hat, wenn ihr die Verantwortung für euer Leben abgebt.“  Der eigentliche Grund aber, warum der Prophet das Königtum, also die dauerhafte Herrschaft von Menschen über andere Menschen ablehnt, liegt tiefer.

Sprecher: Samuel war nicht damit einverstanden, dass sie einen König haben wollten. Er wandte sich an den HERRN, aber der antwortete ihm: Erfülle ihnen nur ihren Wunsch! Nicht dich lehnen sie ab, sondern mich. Ich soll nicht länger ihr König sein! (ebd., V. 6 f)1

Autor: Es geht also um die Frage, wer herrscht: Gott oder andere Mächte, Gott oder ein König, Gott oder die so genannten Herren dieser Welt. Das Volk Israel kommt von einer wichtigen Erfahrung her: Gott hat Israel aus Ägypten, aus der Sklaverei befreit. Gott hat sein Volk in die Freiheit geführt. Gott will niemals Unterdrückung. Aber merkwürdig: Die Leute vergessen diese Erfahrung mit Gott; sie wollen einen sichtbaren Herrscher haben. 

Und sie bekommen einen König und dann kommt es wie der Prophet gesagt hat: Menschliche Herrschaft wird eingerichtet und sie wird missbraucht. Dies geschieht dann zum Beispiel, wenn diese Herrschaft  einen totalen Anspruch auf das Leben der Menschen erhebt und wenn sie nicht in Frage gestellt werden darf. Keine menschliche Herrschaftsform ist vor dieser Gefahr des Missbrauchs der Macht geschützt, deswegen kann sie dem Glauben an Gott widersprechen. Denn Gott will die Freiheit der Menschen. Darum müssen Christinnen und Christen kritisch gegenüber jeder Herrschaft sein. Den traditionsreichen Königshäusern wie den demokratisch gewählten Regierungen.

Ich wünsche Ihnen, liebe Hörerin und lieber Hörer, dass Sie heute kritischen Geistern begegnen – die  könnten nämlich von Gott inspiriert sein. Ihr Eberhard Helling, Pfarrer aus Lübbecke.

1Übersetzung aus: Gute Nachricht 1997

Audiobeitrag Gib uns einen König


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