Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

14.05.12; Pfarrer Eberhard Helling

Selbstbeherrschung

Können Sie sich gut selbst beherrschen? Verzeihen Sie, wenn ich bei Ihnen am Montagmorgen gleich mit solch einer Frage herein poltere.

Der Anlass dazu steht in Ihrem Terminkalender. Am Donnerstag steht dort: Himmelfahrt. Dieser Feiertag hat was mit „Herrschen“ und deswegen auch mit „Selbstbeherrschung“ zu tun; also mit der  Frage: Wer hat das Sagen, wer herrscht über mich? In den christlichen Kirchen wird in dieser Woche an die letzte Etappe von Jesu Leben auf dieser Erde erinnert: Er verabschiedet sich von seinen Jüngern und wird dann zu seinem himmlischen Vater aufgehoben. In der  Bibel wird erzählt: Jesus erlangt nun genauso  göttliche Autorität – Herrschaft über die ganze Welt. Ich frage mich: Ist das wirklich so? Wer herrscht über mich?

Eine Antwort könnte sein: Ich selbst – ich herrsche über mich, ich kann mich selbst beherrschen. Das wäre schon viel, sehr viel! In einem alten Gedicht wird sogar folgendes behauptet:

Sprecher:  Wer sein selbst Meister ist und sich beherrschen kann,     dem ist die weite Welt und alles untertan.  (Paul Flemming) 1

Autor: Es gibt viele Arten von Selbstbeherrschung – da geht’s ums Essen oder Einkaufen, darum, starke Emotionen in ungünstigen Augenblicken nicht voll auszuleben, um Lästern und Verleumden. In der Bibel heißt es:  Diejenigen beherrschten sich am besten, die ihre  Zunge beherrschen. (Jakobusbrief 3) Wer die eigene Zunge beherrscht, weiß, wann zu reden und wann zu schweigen ist, denn mit Worten steuern wir nicht nur uns selbst, sondern auch andere Menschen. Die Zunge ist wie das Ruder eines Schiffes: Ein ganz kleines Element vom großen Ganzen und doch erklärt es die Richtung des ganzen Körpers. Deswegen ist es gut, ja notwendig, das, was ich sage, richtig einschätzen zu können. –  Nicht wie ein Tölpel drauf los zu plappern, sondern lieber zu bedenken, wohin das führen kann, was ich sage. Der Dichter Matthias Claudius meinte:

Sprecher:  Sag nicht alles, was du weißt,         aber wisse immer, was du sagst. 2

Autor: Das ist klug. Und es erinnert an die  berühmte Bergpredigt von Jesus. Da äußert er sich ausgesprochen kritisch über die Art und Weise, wie die Menschen versuchen, ihren Worten Nachdruck zu verleihen: Sie rufen zum Beispiel den Himmel laut und öffentlich an. Sie wollen damit  Gott zu ihrem Zeugen machen. Lauthals schwören sie  Stein und Bein, dass es sich wirklich so verhält, wie sie es sagen – so und auf keinen Fall anders. In diesem Zusammenhang sagt Jesus:

Sprecher:  Eure Rede sei: Ja, ja; nein, nein -        was darüber ist, das ist von Übel (Matthäusevangelium 5, 37) 3

Autor: Jesus nimmt hier den Gebrauch von Worten radikal zurück – aber nicht weil er nichts zu sagen hätte oder weil er den Worten nicht traut – nein. Er weiß genau, welche Bedeutung, welche Wirkung das richtige Wort zur rechten Zeit und  an der rechten Stelle haben kann. Er selbst bewegt mit seinen Worten bis heute die Menschen. Aber er misstraut den Worthülsen, dem Wortschwall, der mehr verdeckt als verständlich macht. Deshalb: Wer seine Zunge beherrschen kann, in dem wirkt Jesu Geist. Daran werde ich denken, wenn ich mich selbst mal wieder beim Schwadronieren ertappe.

Einen selbstbeherrschten Start in die Woche wünscht Ihnen,  liebe Hörerin, lieber Hörer,  Ihr Eberhard Helling, Pfarrer aus Lübbecke.

1  aus: Paul Flemming, An sich, in: Die Lieblingsgedichte der Deutschen, Düsseldorf 2009, S. 88
2 gefunden in: http://www.zitate-online.de/autor/claudius-matthias/ am 29.3.2012
3 Übersetzung nach Martin Luther (1984)

Audiobeitrag Selbstbeherrschung


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