| |
Feiertage
Morgen ist frei. Der gesetzliche Feiertag, der dafür sorgt, heißt immer noch Christi Himmelfahrt und wird außer in Deutschland in weiteren 18 Ländern auf dieser Erde gefeiert
Himmelfahrt gehört zu den ältesten christlichen Festen. Die Menschen damals wollten zum Ausdruck bringen: Jesus ist auferstanden; er ist nicht tot, sondern gegenwärtig. Aber er ist nicht mehr auf der Erde. Und irgendwann kommt er wieder.
Das ist ein Glaubenssatz. Viele können damit überhaupt nichts anfangen. Und deshalb könnte man über die Berechtigung der Himmelfahrt als staatlich geschützter Feiertag streiten. Die Kirchen werden morgen ziemlich leer sein und dafür die Wanderwege und anschließend die Kneipen voll. Denn im öffentlichen Bewusstsein ist morgen Vatertag, und das freut vor allem den Einzelhandel, der bis heute Abend einen sprunghaften Anstieg des Spirituosenumsatzes verzeichnet.
Darüber kann man lamentieren und den Verlust abendländisch-christlicher Werte beklagen. Man kann das aber auch lassen und stattdessen nüchtern feststellen, dass in unserer Gesellschaft ein Traditionsabbruch stattgefunden hat. Der mag viele Gründe haben. Jedenfalls ist er nicht ohne weiteres rückgängig zu machen und bestimmt nicht dadurch, dass man sich an Feiertage klammert, deren Sinn der erdrückenden Mehrheit der Menschen längst entfallen ist. Denn, seien wir mal ehrlich, auch das Fronleichnams-, ja selbst das Oster- und das Pfingstfest erschließen sich in ihrer Bedeutung lediglich noch dem harten Kern kirchlich gebundener und engagierter Menschen. Dergleichen ist auch keineswegs nur ein Problem der Kirchen. Am 1. Mai ist die große Masse der Gewerkschafter im Bett, am Frühstückstisch oder im verlängerten Wochenende, aber mitnichten auf der Kundgebung zum Tag der Arbeit. Und dass der Nationalfeiertag am 3. Oktober wirklich die Nation beschäftigt, können nur Leute behaupten, die unter erheblichem Realitätsverlust leiden.
Dass der durchschnittliche Deutsche neben den Wochenenden im Jahr rund zehn zusätzliche Feiertage zu verteidigen hat, kann im Grunde nur eine Forderung der Gewerkschaften sein, weil bei fortlaufender Entlohnung nicht gearbeitet wird. Und selbst dieses idealtypische Bild gilt natürlich weder in der Stahlindustrie noch in Krankenpflege und Heimerziehung, weil das beschauliche Bild einer eher beamtengeprägten Fünftagewoche den Anforderungen einer modernen Produktions- und Dienstleistungsgesellschaft immer weniger entspricht.
Die Kirchen sind nicht gut beraten, sich demgegenüber auf eine rein defensive Verteidigung von überkommenen Gewohnheiten und Besitzständen zu versteifen. In den benachbarten Niederlanden zum Beispiel wird fast durchweg sogar am Karfreitag gearbeitet. Abends nach Dienstschluss finden Gottesdienste statt. Und dass die nun leerer wären als bei uns am gleichen Tag um zehn Uhr früh, kann wirklich niemand behaupten.
Worauf ich hinaus will, ist: Die Bedeutung eines Feiertages hängt nicht daran, dass an ihm von Gesetzes wegen frei ist. Der Glaubenssatz, dass Christus von der Erde weggenommen wurde, zur Rechten Gottes sitzt und zum Gericht wiederkommen wird, muss, wenn er nicht als purer Unsinn wahrgenommen werden will, eine alltägliche Bedeutung haben. Zum Beispiel die, dass die Botschaft Jesu für Gegenwart und Zukunft wichtig ist. Oder auch die, dass ich für mein Tun und Lassen früher oder später immer in irgendeiner Weise verantwortlich gemacht werde, auch wenn ich meine, keinem Menschen Rechenschaft zu schulden. Darüber kann und muss man reden, zur Zeit und zur Unzeit, und vor allem dann, wenn menschliche Allmachtsfantasien ins Kraut schießen. Zu hoffen, dass an einem extra dafür freien Tag die Leute in die Kirchen strömen, um es sich erklären zu lassen, dürfte hingegen auf absehbare Zeit wohl nicht mehr funktionieren.
Feiertage
|