Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

15.05.12; Pfarrer Stephan Kiepe-Fahrenholz

Best Ager

Eine Woche lang Party – so wollte es mein bester Freund. Er ist vorige Woche 60 geworden. Viele Menschen haben daran Anteil genommen –

nicht nur, weil er viele kennt, sondern weil viele diesen runden Geburtstag als einen bedeutsamen Einschnitt wahrgenommen haben.

Daran könnte man natürlich auch ein Fragezeichen machen. Mancher empfindet bestimmt den fünfzigsten Geburtstag als die wichtigere Lebensmarkierung: die Kinder sind groß, das Haus ist bezahlt, der Hund ist tot, und ab sofort darf man die Seniorenbegegnungsstätte nebenan besuchen. Obwohl man genau das natürlich nicht tut, weil man als sogenannter „Best Ager“ voll im Saft, mitten im Leben steht und die ganz großen Erfolge im Beruf, im Freizeitsport und als Vorstandsvorsitzender oder mindestens Beisitzer des Vereins Soundso erst noch vor sich hat.

Oder vielleicht ist ja der wirklich feiernswerte runde Geburtstag der achtzigste, weil man erst dann nach heutigem Sprachgebrauch zu den „Hochbetagten“ zählt. Gewiss, in diesem Alter ist das Sterben kein fremder Gedanke mehr. Aber so weit die geistige und körperliche Frische reicht, ist es ein ebenso wenig fremder Gedanke, auch noch die Neunzig zu erreichen.

In den Psalmen der Bibel stellt einer fest: Unser Leben währt siebzig Jahre, und wenn’s hoch kommt, sind’s achtzig Jahre, und wenn es köstlich gewesen ist, so ist es Mühe und Arbeit gewesen. Die Lebenserwartung, die in diesen Worten zum Ausdruck kommt, müssen wir inzwischen um glatte zehn Jahre heraufsetzen. „Die Alten“ sind nicht nur eine Bevölkerungsgruppe, die immer größer wird.  Sondern „das Alter“ erstreckt sich über einen so langen Zeitraum, dass es sich schon in diverse Unteraltersgruppen zerlegt: Best Ager, Alte und Hochbetagte eben.

In diesem Zusammenhang finde ich den vorhin zitierten Satz aus den Psalmen nach wie vor wichtig: Wenn es köstlich gewesen ist, ist es Mühe und Arbeit gewesen. Dahinter steckt nicht einfach bloß Resignation, sondern die Einsicht, dass Mühe und Arbeit stets zum Menschenleben gehören. Nicht nur zur Berufstätigkeit. Und spätestens hier könnte eine wichtige Einsicht für die Sechzigjährigen verborgen sein.

Gewiss, auch mit Sechzig ist die Rente in der Regel noch einige Jahre entfernt, erst Recht, wenn das Eintrittsalter von der Politik nach hinten verschoben wird. Aber es ist trotzdem nicht zu früh, sich Gedanken darüber zu machen, was eigentlich danach kommen soll. Gerade wer ein Leben lang viel und hart gearbeitet hat, wird keineswegs am Tage X urplötzlich auf Standby schalten können. Und wer einen Haufen Ideen regelmäßig mit dem Satz belegt „Das mach’ ich, wenn ich in Rente bin“, wird sich wundern, wie wenig davon sich später umsetzen lässt, wenn man nicht heute damit anfängt.

Angesichts der demographischen Entwicklung wird ja gerne gefragt, wie viele alte Menschen von denen, die Beiträge in die Sozialversicherung zahlen, eigentlich in naher Zukunft noch durchgefüttert werden können. Mindestens ebenso wichtig scheint mir zu sein, das sich älter werdende Menschen rechtzeitig fragen, wofür sie sich eines Tages engagieren und wofür sie sich Mühe geben wollen. Nicht nur, weil das Altsein immer länger dauert. Sondern auch, weil man an zwanzig bis dreißig Jahren süßem Nichtstun ganz sicher elend zu Grunde geht. Denn Mühe und Arbeit – die gehören im Menschenleben immer dazu.

Audiobeitrag Best Ager


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