| |
Mandate verleihen
Seit gestern sind wir schlauer. Oder auch nicht. Denn die wichtige Frage, ob NRW in den nächsten Jahren vernünftig regiert wird,
wird sich erst im Laufe der Zeit beantworten lassen. Und da wird es manche enttäuschte Erwartung geben.
Das ist nichts Neues. Die Bibel weiß zum Beispiel über den ersten König Israels folgendes zu berichten: Das Volk, ägyptischer Sklaverei glücklich entronnen, hatte sich im gelobten Land jahrzehntelang mit allerlei Bedrohungen auseinanderzusetzen. Jedes Mal, wenn wieder Feinde von außen zur Attacke ansetzten, musste man sich mühsam einen neuen Anführer suchen. Das war man irgendwann leid. Einen König wollen wir haben. Man schritt zur Wahl. Schließlich war der Richtige gefunden. König Saul, getragen vom Vertrauen der Bevölkerung. Aber der Abstand zwischen den ursprünglichen Erwartungen und dem, was der mühsame Regierungsalltag zulässt, wächst und wächst. Von außen üben die feindlichen Philister mehr Druck aus, als der König bewältigen kann. Im Inneren gewinnt ein gewisser David an Bedeutung, von dem viele glauben, dass ers besser kann als die aktuelle Regierung.
Man sieht: Die Bibel hat ein durchaus differenziertes und kritisches Bild von den Möglichkeiten politischer Macht. Und wenn man etwas aus der Geschichte Sauls lernen kann, dann die Erkenntnis: Es ist ganz gut, Macht nicht auf Dauer, sondern auf Zeit zu etablieren. Im Zusammenhang unserer Bundes- und Landtagswahlen heute kommt das in der etwas altertümlichen Redewendung zum Ausdruck, dass Mandate verliehen werden.
Ein Mandat ist nach dem ursprünglichen lateinischen Sinn des Wortes etwas, das jemand aus der Hand gibt. Politische Macht wird von denen, denen sie gehört, nämlich allen, in die Hände von wenigen gegeben. Die müssen sie nun verwalten, und zwar so, dass das möglichst allen nutzt. Und weil das kaum auf Dauer gelingen kann, haben solche, die Macht in die Hand bekommen, sie nicht als Besitz, sondern als Leihgabe. Auf Zeit. Unter regelmäßiger Kontrolle.
Diese selbstverständlichen Grundlagen der Demokratie geraten manchmal aus dem Blick, wenn von denen, die Mandate verliehen bekommen, als denen da oben geredet wird. Als seien sie wie ein unbegreifliches Schicksal über die Welt gekommen. Durch die Bibel zieht sich wie ein roter Faden das Misstrauen gegen jede politische Macht, die allzu fest im Sattel sitzt und meint, sie sei für die Ewigkeit gemacht. Die Kontrollfrage lautet stets: Was ist Gottes Wille? Daran wird gemessen, was eine gute Regierung ist.
Das bedeutet für uns heute natürlich nicht, dass man aus der Bibel mal eben im Handumdrehn ableiten könnte, wie Nordrhein-Westfalen vernünftig zu regieren ist. Politische Mandatsträger sind aus gutem Grund ihren Wählern und ihrem Gewissen und nicht religiösen Glaubenssätzen verpflichtet. Aber die Gewissheit, dass wirklich gelingendes und erfülltes Leben von einer ganz anderen Macht abhängt als von der, die gestern wieder verliehen wurde, wird Christenmenschen auch den Politikern unter ihnen helfen, mit den Stärken und Schwächen der Mandatsträger gelassen umzugehen.
Mandate verleihen
|