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Ein Mann verliert den Kopf - Eine Parabel über Schönheit, Macht und Gewalt
Ein Mann verliert seinen Kopf. Und natürlich hat eine schöne Frau dabei ihre Hände im Spiel. So knapp könnte die Inhaltsgabe des Buches Judith ausfallen.
Guten Morgen, lieber Hörer, liebe Hörerin, mein Name ist Kerstin Hanke. Ich bin evangelische Pfarrerin und lebe in Bochum. Das Buch Judith gehört nicht zu den offiziellen biblischen Schriften. Es ist eine bibelnahe Novelle, die keinen historischen Charakter beansprucht. Das Buch erzählt die alte Geschichte von Gut und Böse, Glaubenshoffnung und Verlust, von Krieg und durch Mord erkauften Frieden. Das ist spannend und schillernd in seinen ethischen Grundsätzen. Eine eher unbehagliche Geschichte, die uns herausfordert. Denn sie lässt keine eindeutigen Schlüsse zu. Und die leider mehr und mehr in Vergessenheit gerät. Dabei ist das Buch Judith ein Antwortversuch auf die Frage, was muss erinnert werden, damit wir leben und überleben in einer bedrohlichen und todgefährlichen Welt.
Aber der Reihe nach.
Musik CD Camphor, David Sylvian, Titel: Plight
Autorin: Der Ort der Handlung: Betulia. Eine fiktive Stadt in den Bergen. Irgendwo in Israel. In der Nähe von Dotan und der Jesreelebene gelegen. Doch das Irgendwo ist geografisch von besonderer Bedeutung. Die Täler, die sich von der Bucht von Haifa bis zum Jordan aneinanderschmiegen, sind militärstrategisch höchst interessant. Denn passiert man die Engstelle bei Betulia, ist der Weg in das judäische Bergland und nach Jerusalem offen.*1
Und so wird Betulia zum Kriegsschauplatz, an dem sich der Machtanspruch eines größenwahnsinnigen Herrschers mit dem Gottvertrauen einer Witwe messen soll.
Sprecher: Nebukadnezar ist König in Assyrien. Doch er giert nach mehr Macht, nach mehr Land, mehr Sklaven, Reichtum. Wir schreiben das 18te Jahr seiner Regierung. Es ist ein erfolgreiches Jahr für den König. Gerade Nebukadnezar hat seinen ärgsten Rivalen samt seinen Männern abgeschlachtet. Berauscht vom Sieg feiert er mit seinem Heer den Triumph. 120 Tage und 120 Nächte. Am 22ten Tag des ersten Monats aber geht der Befehl an seinen obersten Heerführer Holofernes: Erobert den Westen. Macht mich zum Herrscher der Erde.
Autorin: Hundertzwanzigtausend Mann, dazu zwölftausend Pferde und ihre Reiter. Ein endloser Zug setzt sich in Marsch. Schweiß, derbe Flüche, dumpfe Trommeln, das Schnauben der Tiere, scheppernde Rüstungen, das Ächzen der Versorgungsfuhrwerke. Eine Kakophonie von Lärm und Staub zieht dieser Armee voraus. Was ist ihr entgegenzusetzen? Nichts. Die Küstenstädte fallen. Blut tränkt den Boden. Die Kriegsmaschinerie ist nicht satt, längst nicht satt, zieht weiter. Immer weiter. Dann ist Betulia an der Reihe. Und der Zug gerät ins Stocken.
Sprecher: Huldigt dem Herrscher der Erde. Betet Nebukadnezar an.
Nein, das können, wollen und werden die Israeliten in Betulia nicht. Waren ihre Vorväter und Vormütter nicht einst mit ihrem Gott nach Kanaan gezogen und dort reich an Gold und fett von dem Fleisch ihrer Herden geworden. Waren sie nicht nach Ägypten geflohen als die große Dürre kam, und die Ziegen keinen grünen Halm fanden und die Ernte ausblieb. Ging es ihnen nicht gut in Ägypten mit ihrem Gott? So gut, dass ihr Volk so groß wurde, dass sie die Ägypter sie zu fürchteten begannen und sie zu Schwerstarbeit zwangen. Schrieen sie da nicht zu ihrem Gott. Und der schlug das ganze ägyptische Land mit Plagen. Und flohen sie nicht mit ihrem Gott aus Ägypten. Und der trocknete das Rote Meer vor ihnen aus? Führte er sie nicht durch Wüste. Bis sie endlich den Jordan überschritten. Solange sie sich nicht von ihrem Gott abwandten, blieb ihnen das Glück treu.
In den Zeiten als ihnen andere Götter und andere Güter wichtiger waren, wurden sie in Kriegen aufgerieben. Der Tempel Gottes dem Erdboden gleichgemacht. Und sie in Exil verschleppt. Als Sklaven. Schrieen sie da nicht zu Gott. Und Gott hatte sich ihrer erbarmt, sie wieder in die Heimat zurückgeführt. Solange sie an dem Gott ihrer Mütter und Väter festhielten. Was sollten sie fürchten?
Sprecher: Nein, keiner würde einem Nebukadnezar, einem selbsternannten Gott auf Erden huldigen. Sie würden zu ihrem Gott schreien. Und sich in ihrer Stadt auf dem Berg verschanzen.
Autorin: Der Kriegsherr Holofernes kennt sich mit Belagerungen aus. Der Berg ist hoch, aber nicht uneinnehmbar. Durst ist viel wirkungsvoller als stumpfes Anrennen gegen Mauern. Warum das Leben seiner Soldaten unnütz auf Spiel setzen? Trennt die Stadt vom Wasser. Und dann wartet. Lasst den Sonnenball glühen, eine Woche lang, zwei Wochen lang, drei. Dann werden ihre Alten sterben und die Säuglinge. Und dann werden sie um Wasser betteln. Und um Gnade.
Musik CD Camphor, David Sylvian Titel: All my mother´s name.
Sprecher: 34 Tage lang halten die Städter der Belagerung stand. Sie streuen Asche auf ihr Haupt, klagen, werfen sich in den Staub, bitten um das Wunder, verschont zu werden. Dann sind die Zisternen leer. Sie werden auf den Straßen und Plätzen vor Durst ohnmächtig. Krank und elend vor Verzweiflung wollen sie jetzt nur noch eines. Das nackte Leben retten. Die noch dazu in der Lage sind, schleppen sich zu ihren Stadtältesten: "Öffnet die Tore, flehen sieJetzt gibt es für uns keine Rettung mehr; denn Gott hat uns an sie verkauft . (Jdt 7,24)Es ist besser für uns, ihnen als Beute in die Hände zu fallen. Wenn wir auch zu Sklaven gemacht werden, so bleiben wir doch wenigstens am Leben und brauchen nicht mit eigenen Augen den Tod unserer Säuglinge und das Dahinsterben unserer Frauen und Kinder mit anzusehen. (Jdt 7,27)
Autorin: Wenn die Hoffnung kalt wird wie eine Leiche eines Säuglings, wenn nur die Verzweiflung Nacht für Nacht die leeren Wasserschläuche füllt, dann flackert das Gottvertrauen wie eine Kerze im Wind und droht zu erlöschen Wenn es nur noch das bisschen Leben ist, das ich habe, dann ist es doch ganz egal, wer der Herr meines Lebens ist. Rette sich, wer kann.
Sprecher: Auch die Stadtältesten wanken. Und dann unterbreiten sie einen Deal. Sie stellen Gott ein Ultimatum. Eine letzte Chance für ihren Gott. Noch fünf Tage geben sie ihm und sich. Warum schickt er nicht Regen, damit sich die Zisternen wieder füllen. Fünf Tage hat er Zeit. Wenn er dann nicht ergreift, kapitulieren sie. Und öffnen die Tore.
Autorin: Dieses mit dem Schicksal handeln. Sich noch ein Quäntchen Hoffnung zu erhalten. Nur noch fünf Tag, nur noch diese eine Stunde, diese fünf Minuten.
Musik CD Camphor, David Sylvian, Titel: Answered Prayers
Sprecher: Nun tritt eine Frau auf den Plan. Judith ist Witwe. Sie ist schön und wohlhabend, gottgläubig, tugendhaft und untadelig in ihrem Lebenswandel. Sie verkörpert all das Gute, das in den anderen verdorrte, als die Zisternen trocken fielen. Diese Witwe Judith hält ein flammende Rede: Ihr könnt Gott nicht auf die Probe stellen, oder ihn manipulieren wollen. Versucht nicht, die Entscheidungen unseres Gottes, zu erzwingen; denn Gott ist nicht wie ein Mensch, dem man drohen kann, und wie ein Menschenkind, das man beeinflussen kann.
Autorin: Es sind immer diese kleinen, unauffälligen Erpressungsversuche, wenn du den Teller brav aufisst, dann scheint morgen die Sonne. Wenn ich nicht auf die Ritzen im Pflaster trete, schreibe ich keine fünf in Mathe. Wenn ich ab jetzt jeden Abend bete, stirbt Mutter nicht. Ich biete ein Opfer an, oder ein Verhalten, oder ein Ritual und erwarte dafür magischen Beistand. Als sei mein Gott ein Basarhändler mit dem ich um das Glück meines Leben feilschen sollte.
Judith verweigert das. Sie verweigert sich auch, nur an nackte eigene Leben und überleben zu denken. Wenn wir unsern Gott, unseren Glauben verraten und die Stadt übergeben, dann werden alle andern Städte brennen und die Menschen dort sterben. Der Tempel Gottes wird erneut brennen. Das kann alles kann daher nur eines bedeuten: Mein Leben für das der anderen.
Sprecher: Keiner kann ihr widersprechen. Aber alle klammern sich an das Ultimatum. Betet für Regen. Betet zu Gott.
Autorin: Judith ist beten nicht genug. Ich will eine Tat vollbringen. Fragt nicht weiter, kommt nur nach Ablauf des Ultimatums nachts ans Stadttor. Mehr müsst ihr nicht wissen. Dann geht sie in ihr Haus, wirft sich auf den Boden, streut Asche auf ihr Haupt; betet:
Gott meines Vaters, Herr des Himmels und der Erde, Schöpfer der Meere und König deiner ganzen Schöpfung, erhöre mein Gebet! Denn deine Macht stützt sich nicht auf die große Zahl, deine Herrschaft braucht keine starken Männer. Du bist ein Gott der Schwachen und der Helfer der Geringen.
Musik Brilliant Tree (Remastered), David Sylvian, Titel Nostalgia
Sie legt ihre schönsten Gewänder an. Packt das letzte Gerstenmehl und getrocknete Feigen in einen Sack. Drückt ihrer Dienerin einen Schlauch Wein in Hand und geht mit ihr zum Stadttor hinaus. Direkt auf das assyrische Heer zu. Die Wachposten greifen sie auf. Bringt mich zu Holofernes, fordert Judith. ich habe wichtige Informationen für ihn.
Diese Soldaten kennen Frauen nur als Besitz von Männern, oder als Beute von Plünderungen. Sie erkennen nicht die Gefahr von vermeintlichen Opfern ausgeht, von schönen Frauen wie Judith, die zum Widerstand fähig sind. Für sie ist sie nur eine Verräterin.
Sprecher: Judith wird zu Holofernes Zelt eskortiert. Dort ruht der Feldherr gerade unter einem Mückennetz aus Purpur und Gold, in das Smaragde eingewebt waren.
Autorin: Holofernes weiß die Annehmlichkeiten der Welt zu schätzen, auch die Annehmlichkeit einer anwesenden schönen Frau. Und auch ihr Versprechen ihn mit seinem Heer bis nach Jerusalem zu führen. Judith wird mehr als gastfreundlich aufgenommen.
Sprecher: Drei Tage im Lager vergehen. Das Ultimatum läuft unerbittlich ab. Dann gibt Holofernes ein Festmahl. Angeregt durch die Unterhaltung mit Judith, angetan von ihren Reizen, trinkt er mehr als ihm zuträglich ist. Als er seinen Rausch ausschläft, betet Judith um Kraft, nimmt Holofernes Schwert und schlägt diesem mit zwei Hieben auf Nacken und enthauptet ihn. Den Kopf verstaut sie in einem Sack und verlässt mit ihrer Dienerin im Schutze der Nacht das Lager.
Am nächsten Morgen steckt der Kopf des Holofernes auf der Mauerzinne von Betulia. Das im wahrsten Sinne kopflos gewordene Heer der Assyrer ergreift die Flucht.
Autorin: Die Stadt ist gerettet. Die Einwohner jubeln zu Gott. Es sind die Stimmen der Opfer und der vom Krieg Bedrohten. Und Judith tritt aus dem Rampenlicht zurück in Dasein als fromme Witwe. Sie wird sterben im Alter von 1o5 Jahren. Lebensatt.
Musik CD Camphor, David Sylvian, Titel Mother and child.
Autorin: Ein Mann verliert den Kopf durch das eigene Schwert. Eine Frau verlässt die Opferrolle, fällt dem Rad in die Speichen, leistet listig Widerstand, wird zur Tyrannenmörderin. Es ist ein komplexes Spiel von Schönheit, Sexualität, Macht und Gewalt. Es folgt der kriegerischen Logik und bricht dennoch mit ihr. Wer das Schwert erhebt, wird durch sein eigenes Schwert umkommen.
Es wundert nicht. Die Figur Judith hat immer wieder neue Lesarten gefunden. Sie reichen vom tugendhaften Vorbild bis zur männermordenden Femme Fatale. Denn das Buch Judith verpflichtet scheinbar zu nichts, es bietet Möglichkeiten an. Es bleibt mehrdeutig. Und dadurch fordert es mich und jeden Leser heraus. Was ist meine Interpretation? Wie verstehe ich Widerstand gegen Gewalt, gegen Terror? Ist ein Mord gerechtfertigt, um viele Leben zu retten? Es geht um Gewalt um des Friedens willen. Eine Frage, um die jede Generation neu ringen muss. Auch mit ihrem Gott.
Sprecher: Gott, der die Kriege zerschlägt. Herr!, lobt Judith am Ende der Geschichte Gott und deutet so ihre Tat als radikalen Einspruch gegen Krieg.
Autorin: Es verabschiedet sich Kerstin Hanke, evangelische Pfarrerin aus Bochum.
Musik: CD Floating, Ketil Bjornstad, Titel The waiting room
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