Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

05.05.12; Pfarrer Rüdiger Schnurr

Dazugelernt

Ein schönes Wochenende liegt hoffentlich vor Ihnen, liebe Hörerin und lieber Hörer. Vielleicht sogar ein richtiges Familientreffen.

Schön wäre es, wenn sich auch die Jugendlichen aus der Familie mit ihren Freunden druntermischen würden. Doch die haben ja meistens ganz andere Interessen. Sie sind gerne unter ihresgleichen, hören eine andere Musik und hängen lieber ab –  chillen, wie sie das nennen. Ein gemeinsamer Spaziergang mit der ganzen Familie ist uncool. Da gefällt nicht allen Erwachsenen. Dass die Alten sich über die Jungen beschweren, begleitet die Menschen von Anfang an. Da hat einer schon vor 4000 Jahren in der Stadt Ur in Chaldäa geklagt: „Unsere Jugend ist heruntergekommen und zuchtlos. Die jungen Leute hören nicht mehr auf die Eltern. Das Ende der Welt ist nahe.“ Nun, das ist alles ziemlich übertrieben. Die Welt gibt es heute noch immer. Das alles ist kein Grund sich aufzuregen. Und es ist gut und normal, damit junge Menschen ihren eigenen Platz im Leben finden. Mark Twain, der Erfinder von Tom Sawyer und Huckleberry Finn, zwei Jungen, die für viel Aufregung bei den Erwachsenen sorgen, kann uns Gelassenheit lehren:

Zu Mark Twain kam ein Siebzehnjähriger und beklagte sich: "Ich verstehe mich mit meinem Vater nicht mehr. Jeden Tag Streit. Er ist so rückständig, hat keinen Sinn für moderne Ideen. Was soll ich machen? Ich laufe aus dem Haus." Mark Twain antwortete: "Junger Freund, ich kann dich gut verstehen. Als ich siebzehn Jahre alt war, war mein Vater genauso ungebildet. Es war kein Aushalten. Aber habe Geduld mit so alten Leuten. Sie entwickeln sich langsamer. Nach zehn Jahren, als ich 27 war, hatte er soviel dazugelernt, dass man sich schon ganz vernünftig mit ihm unterhalten konnte. Und was soll ich dir sagen? Heute, wo ich 37 bin - ob du es glaubst oder nicht - wenn ich keinen Rat weiß, dann frage ich meinen alten Vater. So können die sich ändern." (Typisch! Kleine Geschichten für andere Zeiten, Verlag Andere Zeiten, 10. Aufl. 2011, S. 28)

Seit ein paar Jahren gibt es immer mehr Versuche die Generationen näher zueinander zu bringen. Projekte von Schülern, die ihre Großeltern für den Computer und das Internet fit machen, Kindergartenkinder lassen sich von Altenheimbewohnern von früher erzählen, und die wiederum staunen, was die Kleinen schon alles wissen und können, bevor sie in die Schule gehen. Mehrgenerationenhäuser für Menschen verschiedener Altersgruppen bieten Raum, sich ungezwungen zu begegnen, sich kennen zu lernen und einander mit Erfahrung und Können zu helfen. Da haben wir gerade in unserem Kulturkreis einen großen Nachholbedarf. Vor allem, weil es immer mehr Ältere und immer weniger Kinder und Jugendliche geben wird. Viele sehen als Konsequenz ein Heer von alten und pflegebedürftigen Menschen, für die viel zu wenige Pflegekräfte da sein werden.

Andererseits: Senioren sind mehr als Pflegefälle. Sie sind begehrt. Auch im Beruf haben sie Chancen und ihre Erfahrung ist auch im Rentenalter wieder gefragt. Die neue Wertschätzung der Alten durch die Jungen und die Geduld der Alten mit den Jungen ist eine hoffnungsvolle Entwicklung. Die Bibel geht übrigens nicht davon aus, dass das Weltende bevorsteht, weil sich die Jugendlichen so ungebührlich benehmen. Da heißt es: „...das Herz der Eltern wird wieder den Kindern zugewendet und das Herz der Kinder ihren Eltern, damit ich, Gott, nicht kommen und das Land dem Untergang weihen muss.“ (Mal 3,24 Gute Nachricht).

Vielleicht wird das demnächst ja total cool werden, hin und wieder die Wochenenden ganz freiwillig und ungezwungen miteinander zu verbringen. Ich wünsche ihnen an diesem Wochenende viel Freude miteinander und Gottes Segen für den Sonntag. Ihr Pfarrer Rüdiger Schnurr aus Hilchenbach.

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