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Geschenkt
Guten Morgen, liebe Hörerin und lieber Hörer, im Alter sollen sich die guten und die schlechten Charaktereigenschaften eines Menschen so verfestigt haben,
dass sie sich nun besonders deutlich bemerkbar machen. Ich glaube nicht, dass das ein ehernes Gesetz sein muss. Aber ein Stück weit ist das sicher so. Das kenne ich aus meinen Begegnungen im Altenheim. Da gibt es die fröhlichsten alten Leute, in deren Gegenwart man selbst wieder das Lachen lernt. Mit allem sind sie zufrieden und auch einem Malheur können sie noch eine heitere Seite abgewinnen. Daneben sitzen mit zusammengepressten Lippen die Verbitterten, denen man aber auch nichts recht machen kann. Da findet kein freundliches, verständnisvolles Wort den Weg zu ihren Herzen und von ihnen kommt nur Bitterkeit zurück.
Wer sich die Mühe macht die Lebensgeschichten anzuhören, der wird schnell merken: Die fröhlichen Alten hatten zumeist ein erfülltes Leben; auch wenn es nicht immer ein leichtes Leben gewesen ist, wenn es arbeitsreich war und sie manches entbehren mussten, so gab es für sie viele glückliche Momente. Dagegen stelle ich bei den Verbitterten fest: dass ihnen im Leben aus welchen Gründen auch immer sehr vieles verboten worden ist. Zu vieles. Viele glückliche Momente haben sie dadurch versäumt und bereuen dies heute. Was mich dann immer besonders traurig stimmt: Viele von ihnen sind ein Leben lang zur Kirche gegangen. Es gibt christliche Gemeinschaften, die eine große Strenge an den Tag legen und ihren Mitgliedern vieles an heiterem Vergnügen verbieten. Gleichzeitig gibt es unter den fröhlichen Alten viele, bei denen der Glaube mit sehr viel Lebensfreude zusammen gekommen ist. Nach dem Motto des Predigers Salomo in der Bibel: Da merkte ich, dass es bei allen Mühen im Leben nichts Besseres gibt, als fröhlich sein und sich gütlich tun in seinem Leben. Denn ein Mensch, der isst und trinkt und hat guten Mut bei all seinen Mühen, das ist eine Gabe Gottes. (Prediger Salomo 3,12+13).
Ich las kürzlich von einem Mann, der sich dieses Motto vermutlich zu Herzen genommen hat und genau so ein Leben lang glücklich gewesen ist:
Ein alter Mann sitzt in einem Bus. In seinem Arm hält er einen wundervollen Blumenstrauß. Eine junge Frau kann ihren Blick nicht von der Blumenpracht lassen. Immer wieder schaut sie zu den bunten Blüten. Kurz vor der nächsten Haltestelle erhebt sich der Mann und geht zu der Frau. "Gefällt Ihnen der Strauß?" Er reicht ihr die Blumen und sagt: "Er ist eigentlich für meine Frau. Aber ich denke, sie hätte es gern, dass Sie ihn bekommen. Ich gehe jetzt zu ihr und erzähle ihr, dass ich die Blumen Ihnen geschenkt habe." Erstaunt nimmt die Frau den Strauß entgegen. Als der alte Mann aussteigt, sieht sie ihm nach. Er verschwindet durch ein Tor, das auf einen kleinen Friedhof führt. (Typisch! Kleine Geschichten für andere Zeiten, Verlag Andere Zeiten Hamburg, 10. Aufl. 2011, Geschenkt, S. 14)
Man kann auf den Schluss der Geschichte ja verschieden reagieren. Den einen erschrickt der letzte Satz, weil mit ihm der Tod so nahe kommt, der zwei glückliche Menschen auseinander gerissen hat. Ein anderer mag den alten Mann wegen seines Alleinseins zutiefst bedauern. Mich hat die Geschichte gerade mit ihrem Schluss sehr hoffnungsvoll gestimmt: Das gibt es also, dass einer im Leben so viel Schönes und Gutes, so viel an tiefem Verständnis erfahren hat, dass er sogar in seiner Trauer von seinem Glück weitergeben kann. Dieser Mann ist immer noch reich beschenkt; was er und seine Frau an Liebe einander gegeben haben ist ein Schatz geworden, der nicht kleiner wird, wenn er geteilt wird. Und die junge Frau in der Geschichte: Sie wird sicher noch lange an das gütige Lächeln des alten Mannes mit dem bunten Strauß zurückdenken. Es liegt an mir, ob ich im Alter Lebensfreude empfinden kann oder die Bitterkeit meinen Alltag überschattet.
Ich wünsche Ihnen und mir, liebe Hörerin und lieber Hörer, dass wir nicht verbittern. Sondern dass wir uns einen Schatz der Lebensfreude bis ins Alter bewahren können. Ihr Pfarrer Rüdiger Schnurr aus Hilchenbach.
Geschenkt
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