| |
In die Pfütze
Guten Morgen, liebe Hörerin und lieber Hörer, Schadenfreude soll ja angeblich die schönste Freude sein.
Wer hat nicht schon einmal Genugtuung darüber empfunden, wenn einem Kollegen, der sich nicht besonders kollegial verhält, ein Missgeschick passiert oder wenn einem Wichtigtuer einmal gehörig das Maul gestopft wird. Da braucht man auch gar kein schlechtes Gewissen zu haben. Hin und wieder tut einem Schadenfreude mal so richtig gut. Etwas ganz anderes ist es, wenn einem anderen plötzlich ein Missgeschick passiert, das ihm ganz und gar peinlich ist. Vor allem wenn dann die Zeugen des Missgeschicks auch noch ihren Spott treiben. Dann ist Schadenfreude wohl völlig unangebracht. Man tritt nicht noch auf einen drauf, der schon am Boden liegt. Doch wie weit geht unsere Solidarität mit einem, der zum Gespött der Leute geworden ist?
Ein Fürst gibt ein großes Fest. Viele wichtige Menschen sind eingeladen. Es beginnt zu regnen, und vor der Toreinfahrt bildet sich eine große Pfütze. Als ein vornehm gekleideter Herr aus seinem Wagen steigt, rutscht er aus und fällt der Länge nach in die Pfütze. Mühsam erhebt er sich, von oben bis unten beschmutzt und nass und sehr geknickt. "So kann ich mich nicht auf dem Fest sehen lassen", denkt er. Einige Gäste machen schon spöttische Bemerkungen. Ein Diener meldet den Vorfall dem Fürsten. Dieser eilt sofort hinaus und erreicht den Gast gerade noch, als er zurückfahren will. "Bleib doch, mir macht der Schmutz an deinen Kleidern nichts aus", sagt der Fürst, doch der Gast hat Angst vor den Blicken und dem Getuschel der anderen Gäste. Da lässt sich der Fürst mit seinen kostbaren Kleidern in dieselbe Pfütze fallen, so dass auch er von oben bis unten voller Dreck ist. Er nimmt den Gast an die Hand, und beide gehen in den festlich geschmückten Saal. (von Ralf Johnen in: Typisch! Kleine Geschichten für andere Zeiten, Verlag Andere Zeiten Hamburg 10. Aufl.2011, S. 22)
Das gibt es wohl nur im Märchen, werden Sie, liebe Hörerin und lieber Hörer denken; dass so was wirklich passiert, kann man sich in der Tat kaum vorstellen. Es wäre ein großes Medienereignis: Die Queen legt sich für den Pechvogel in den Dreck. Nein, das gibt es wohl nicht im wirklichen Leben. Aber ich gestehe, die Möglichkeit alleine gefällt mir schon. Der Gedanke ist mir sympathisch. Für mich hat der Fürst in der Geschichte eine Größe gezeigt, die ihn weit über andere seines Standes erhebt.
Von Jesus wissen wir ganz genau, dass er sich nicht zu schade gewesen ist, mit Menschen an einem Tisch zu sitzen, über die andere die Nase gerümpft haben. Er muss das sogar so auffällig gerne oder oft getan haben, dass bald ihm bald der Ruf vorausgeeilt ist, er sei ein Fresser und Weinsäufer (Matthäus 11,19), also einer von denen, mit denen er gegessen und getrunken hat. Gleich und gleich gesellt sich eben gern. Außerdem, und das konnte keinem Anständigen gefallen, sei er gut Freund mit Zöllnern und Sündern, also mit allem möglichen Gesindel, von dem man sich tunlichst fernhalten sollte.
Doch seine Kritiker haben ihn nicht verstanden. Denn dem angeblichen Gesindel hat Jesus gezeigt, dass Gott sie mit anderen Augen ansieht. Für ihn sind sie kein Gesindel, sondern Menschen, die ihm besonders am Herzen liegen. Die Solidarität mit denen, die von anderen ausgegrenzt werden, ging bei Jesus sehr weit. Wie weit würden wir gehen wir, um für die einzutreten, die sich blamiert haben oder die uns peinlich sind? Halten wir zu ihnen? Sind wir kleinlich oder großzügig? Sind wir bereit, uns die Finger oder noch mehr für sie schmutzig zu machen, womöglich wegen ihnen selbst ins Gerede zu kommen oder zum Gespött zu werden?
Übertrefft euch gegenseitig an Wertschätzung (Römer 12,10, Basisbibel), rät der Apostel Paulus den Christen in Rom. Darin zeigt sich die wahre Größe eines Menschen. Und dazu muss einer kein Fürst sein. Das gilt auch für normale Menschen. Falls Ihnen heute jemand begegnet, den ein peinliches Missgeschick ereilt, treten Sie ihm achtsam zur Seite. Zeigen Sie wahre Größe.
Ihr Pfarrer Rüdiger Schnurr aus Hilchenbach im Siegerland.
In die Pfütze
|