Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

30.04.12; Pfarrer Rüdiger Schnurr

Mit freundlichen Grüßen

Guten Morgen, liebe Hörerin und lieber Hörer. In dieser Woche möchte ich Ihnen sechs Perlen schenken.

Sechs kleine Geschichten voller Menschlichkeit, die mich in der letzten Zeit erfreut und erheitert, berührt und nachdenklich gemacht haben. Die erste hat aber auch unangenehme Erinnerungen in mir wachgerufen. Schon öfter wurde ich in Briefen aufs Übelste verleumdet und beschimpft. Der Absender war leider anonym, so dass ich nicht persönlich darauf antworten konnte. Aber die Briefe stammten ganz offensichtlich aus dem rechten, braunen Lager. Sie waren gespickt mit rassistischen und fremdenfeindlichen Sprüchen. Was kann man tun? Ich hatte mich damals entschlossen, sie zu ignorieren.

Wie aber hätte ich mich verhalten, wenn sich der Absender zu erkennen gegeben hätte? So wie der berühmte Clown Grock?

Der berühmte Clown Grock erhält eines Tages einen Brief, der voll ist von falschen Behauptungen und schlimmen Beschuldigungen. Seine Freunde raten ihm, den Absender des Briefes zu verklagen. Auch ein Clown könne ja nicht immer nur lustig sein. Aber Grock winkt ab. "Ich möchte das anders regeln", sagt der Clown. Er schickt den Brief zurück an den Absender und schreibt dazu: "Diesen unverschämten Brief habe ich bekommen. Ich schicke ihn nun an Sie, damit Sie wissen, dass irgendjemand in Ihrem Namen beleidigende Briefe verschickt. Mit freundlichen Grüßen, Ihr Clown Grock." (in: Typisch! Kleine Geschichten für andere Zeiten, Verlag Andere Zeiten Hamburg 2005, S. 6)

Ich kann mir das Gesicht des Empfängers vorstellen. Eine Mischung aus Überraschung, Ärger und vielleicht sogar: Scham. Was soll er jetzt darauf antworten? Rudert er zurück? Oder denkt er darüber nach, wie er die Sache aus Welt schaffen kann? Hat er den Mut, sich zu offenbaren und sich zu entschuldigen? Grock hat ihm jedenfalls mit seinem Brief die Chance dazu geben. Er hat ihm sogar die Gelegenheit gegeben, über sich selbst noch einmal gründlich nachzudenken. Mit List und Humor nimmt der Clown dem Übeltäter den Wind aus den Segeln. Jetzt ist er, der so übel beschuldigt worden ist, jetzt ist er der Überlegene – und das völlig ohne Aggressionen. Es leuchtet mir ein: Wahrheit, die unfreundlich oder mit Rachsucht dargeboten wird, hat es schwer, anerkannt zu werden. Und eine Freundlichkeit, die die Wahrheit verschweigt ist nicht ehrlich. Wo beides aber zusammentrifft, da wird eine Tür geöffnet, die zur Versöhnung führt. Ob der andere hindurchgeht, das liegt an ihm.

Ich finde das Verhalten von Clown Grock nachahmenswert. Es kann von keinem verlangt werden, sich ständig alle Bosheiten gefallen zu lassen. Doch nicht jede Gegenwehr eignet sich dazu, den Teufelskreis von Wort und Widerwort, von böser Tat und Vergeltung zu durchbrechen. Manchmal ist es wirkungsvoller, wenn es gelingt, die Angriffe ins Leere laufen zu lassen, nach dem Motto: „Kleine Bosheiten soll man überhören. Es ist christlich – und ärgert mehr.“ Das können Sie, liebe Hörerin, lieber Hörer einmal ausprobieren. Bei kleinen Gemeinheiten wird Ihnen das gut tun, wenn Sie sich beherrschen können. Sie dulden dann nicht passiv, sondern treffen aktiv die Entscheidung, die Gehässigkeiten zu überhören. Dann haben Sie einen Sieg über sich selbst errungen und den andern ärgert es, wenn seine Attacke ins Leere gegangen ist. Doch nicht immer ist Schweigen das Richtige und nicht immer sind List und Humor die richtige Gegenwehr. 

Es gibt Fälle, da hilft nur das Motto von Jesus: „Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Übel.“ (Matthäus 5,37)

Heute denke ich deshalb: Die anonymen Briefe, die aus dem rechtsradikalen, braunen Lager an mich gingen, ich hätte sie unbedingt öffentlich machen müssen. Hier hilft kein Trick, hier hilft kein Humor. Hier ist eine klare Absage an Gedankengut nötig, dass schon Millionen von Menschen den Tod brachte und bis heute Angst und Schrecken verbreiten will. 

Eine gute Hand für die immer passende Antwort wünscht Ihnen, Ihr Pfarrer Rüdiger Schnurr aus Hilchenbach.

Audiobeitrag Mit freundlichen Grüßen


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