Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

05.05.12; Pfarrer Titus Reinmuth

Die Hummel fliegt

Jeden morgen, wenn ich vor die Tür trete und die Zeitung reinhole, höre ich ein fettes Brummen.

Eine Hummel sitzt in dem großen Strauch im Vorgarten und fühlt sich morgens um sieben aufgescheucht. So torkelt sie mit ihrem fetten Brummen etwas müde und verwirrt durch die Lüfte, dreht ein paar Runden und nimmt dann wieder Platz. Jeden morgen das gleiche Spiel. Ich hab mich schon immer gefragt, was bei der Hummel anders ist. Bienen und Wespen fliegen gerade und zielstrebig von einer Blüte zur nächsten oder beim Frühstuck in die Marmelade und zurück, nur die Hummel torkelt merkwürdig langsam und schwer durch die Luft. Nun fand ich bestätigt, dass die Hummel an sich gar nicht fliegen kann. Wissenschaftler haben das herausgefunden: So, wie sie gebaut ist, wenn man ihr Gewicht bedenkt, ihren Körperumfang, die kleinen Flügel, die Schnelligkeit der Rotation – so kann sie unmöglich fliegen. Der Clou ist: Sie weiß es nicht. Und also fliegt sie doch. Ein kleines Wunder der Natur.

Und ein starkes Bild für das, was Menschen möglich ist. Mir sind schon oft Menschen begegnet, da dachte ich auch, das geht doch niemals. Mit der Lebensgeschichte, mit dem bisschen Kraft hier etwas zu verändern? Unmöglich! Da ist ein Mann, Mitte fünfzig, dem das Leben übel mitgespielt hat. Vor einem Jahr starb seine Frau. Der einzige Sohn wohnt in München, er ist allein. Was alle zunächst für ganz normale Trauer hielten, verfestigte sich zu einer echten Depression. Jetzt hat seine Firma dreißig Leute entlassen, er ist dabei. Er kann die Monate zählen, bis er Hartz IV bekommt. Und dann staune ich: Irgendetwas rüttelt ihn auf einmal wach. Er bewirbt sich, trifft seine Freunde wieder, sucht Beratung. Es geht eigentlich gar nicht, aber: Er tut es. Die Hummel fliegt!

Es gibt unzählige solcher Geschichten: Eine Schülerin droht den Abschluss nicht zu schaffen. Jetzt hat auch noch ihr Freund Schluss gemacht. Eine Frau ist plötzlich ernstlich erkrankt und sieht keinen Sinn mehr im Leben. Ein Mann hat sich dermaßen in Schuld verstrickt, dass er in einem absoluten Dilemma festsitzt. Lauter Geschichten, wo ich denke: Hier geht eigentlich gar nichts mehr. Und dann staune ich, wozu die Kraft noch reicht und was doch möglich ist. Die Hummel fliegt.

„Die sich auf Gott verlassen, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.“ So sagt es der Prophet Jesaja zu Menschen, die auch festsitzen und eigentlich nicht weiter wissen. Er sagt es zu Menschen, die in einer Nachkriegszeit leben: im Exil, in der Fremde, vertrieben aus ihrer Heimat. Fast jeder hat Angehörige verloren, und auch alles andere, was das Leben ausgemacht hat, ist nicht mehr da. Ich weiß nicht, wie die Menschen damals auf diesen Jesaja reagiert haben. Ich vermute, es gab ein geteiltes Echo.

Die einen werden gesagt haben: Schön wär's. Ich weiß aber nicht weiter. Andere wurden vielleicht nachdenklich und ließen sich anstecken: Auf Gott zu vertrauen, auch wenn das Leben Schweres zumutet, vielleicht gibt das die nötige Kraft.

Manche Menschen können solche Erfahrungen auch heute gleich bestätigen, andere mögen ein wenig in der Erinnerung kramen: Wann war das schon mal so, nur ein einziges Mal? Die sich auf Gott verlassen, werden gestärkt, sagt der Prophet.

„Sich verlassen“ – das heißt ja „Ich verlasse mich“. Ich verlasse meine schlechten Erfahrungen, ich verlasse mein müde gewordenes Herz und setze mit letzter Kraft auf Gott. Dann kann ich erleben: Die Hummel fliegt! Und ich auch.

Audiobeitrag Die Hummel fliegt


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