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Wir amüsieren uns zu Tode
Noch ein paar Minuten bis zur Abfahrt. Ich schaue mich um. Und auf einmal fällt es mir auf. Er, sie, sie auch, der Mann dahinter: Jeder hat ein Smartphone in der Hand.
Oder sowas ähnliches. Alle starren auf Ihr Handy oder ihren iPod. Wie lebensgroße Roboter. Der Mann mit Aktentasche im Anzug, der daneben im Blaumann, die Schülerin mit dem bunten Rucksack. Was machen sie da bloß alle? Schon die ersten emails checken? Verpasste Anrufe nachsehen, mal eben online die Zeitung durchblättern? Bloß nichts verpassen? Vielleicht wird auch der Bahnsteig gefilmt: Guck mal, da bin ich gerade. Oder die Wetter-App aufgerufen. Sie zeigt blitzschnell wie das Wetter ist. Jetzt, hier.
Wir amüsieren uns zu Tode schrieb Neil Postman schon Mitte der 80er Jahre. Sein Buchtitel war in aller Munde. Dabei dachte er nur ans Fernsehen, die Flut der Bilder, die Vermischung von wichtigen Inhalten und schlichter Unterhaltung. Fernsehen wurde nicht für Idioten erschaffen es erzeugt sie, sagte Postman schon damals. Bilder seien schnell und kurzlebig. Wir Menschen könnten irgendwann nicht mehr unterscheiden, was wichtig und was unwichtig ist. Wir würden uns zu Tode amüsieren. Das war 1985, das Internet war noch gar nicht erfunden, die Terminkalender waren aus Papier, man hatte vielleicht einen Anrufbeantworter, aber kein Handy. Und heute? Schaue ich auf 15 Roboter, die auf einen kleinen Monitor starren wie ferngesteuert. Pardon, Menschen, die auf ihren Zug warten, morgens um acht am Bahnhof.
Zugegeben, ich hab auch so ein Ding. Ich muss erreichbar sein, auch wenn ich unterwegs bin. Die To-Do-Liste kann ich jederzeit anklicken. Mehrmals am Tag checke ich meine emails. Alles ist schneller geworden. Manche rufen mich direkt auf dem Handy an und wundern sich, dass ich das erst nach einem halben Tag merke. Jemand meldet sich mit aufgeregter Stimme: Ich habe Ihnen schon vor zwei Stunden eine email geschickt, haben Sie die nicht bekommen? Ich brauche dringend Ihre Antwort. Wirklich? Dringend? Von mir?
In solchen Momenten merke ich, dass ich mich von dieser Schnelligkeit nicht bestimmen lassen will. Ich brauche Zeit. Ich will die Dinge bedenken. Ich möchte entscheiden können, was ich tue und was nicht. Was wichtig ist und was von mir aus warten kann. Die Medien, die Bilder, die Er-reichbarkeit, das raubt mir noch den Verstand.
Manuela Schwesig, Sozialministerin in Mecklenburg-Vorpommern und SPD-Vize, hat sich jetzt für einen wirklich terminfreien Sonntag in der Politik stark gemacht. Keine Feste, keine Vorträge, kein Koalitionsausschuss, am liebsten nicht mal zu Günter Jauch. Stattdessen einen Tag frei haben und frei sein von allen Aufgaben und Terminen. In Frankreich macht ein Buch Furore, das den guten alten Mittagsschlaf lobt. Und zwar als Akt des Widerstands. Der Bestseller von Thierry Paquot erscheint gerade auf Deutsch. Der freie Sonntag oder die Kunst des Mittagsschlafs, das ist nicht witzig, naiv oder unpolitisch. Es sind Nadelstiche gegen die Auswüchse des Kapitalismus. Immer mehr und immer schneller geht einfach nicht. So hat Gott die Welt nicht geschaffen und den Menschen nicht gemeint. Wir Menschen sollen nicht nur arbeiten, sondern auch leben. Dazu gehören Pausen und freie Tage, dazu gehören Abstand und Unerreichbarkeit. Dann gibts immer mehr von dem was wir brauchen: Muße, echte Begegnungen, bewusstes Nachdenken, eigene Entscheidungen. Mein persönlicher Widerstand sieht so aus: emails rufe ich nur noch dreimal am Tag ab, mittags mache ich eine halbe Stunde Pause und neben der To-Do-Liste führe ich auch eine To-Rest-Liste. Für alles, was warten kann. Die Welt wird damit leben müssen, dass ich ein Mensch bin. So und nicht anders hat Gott mich geschaffen.
Wir amüsieren uns zu Tode
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