Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

02.05.12; Maike Siebold

Ist das peinlich!

Autorin: Selbstvergessenes Nasebohren im Auto an der Ampel, Schwitzflecken beim ersten Date, zweideutige Versprecher, Mails an falsche Adressaten, geplatzte Kleidernähte -

jeder hat sich in seinem Leben schon einmal blamiert.

O-Ton: „Ich wollte neulich einparken, in eine echt große Parklücke und habe eine halbe Stunde gebraucht und hab‘s es trotzdem nicht geschafft, das Auto irgendwie in diese die Lücke reinzukriegen, …“

O-Ton: „Ich finde es grundsätzlich immer sehr unangenehm, wenn man in der U- Bahn angerufen wird und alle starren einen an.“ 

O-Ton: „… und habe dann gemerkt, dass auf dem Balkon meine ganzen Nachbarn mich schon beobachteten. Ich wäre am liebsten im Erdboden versunken.“

O-Ton: „Ich krieg dann immer keinen Ton mehr raus.“

Autorin: Wenn wir von solchen Alltagserlebnissen erzählen, fällt häufig das Wort „peinlich“. Wir schämen uns und wünschen, dass wir uns wegbeamen könnten oder im Erdboden versinken würden, kurzum: mit sofortiger Wirkung aus dem Gesichtsfeld der anderen verschwinden könnten.
Manchen ist nichts mehr peinlich. Beim Zappen durch die Fernsehkanäle finden sich genug Beweise: Jugendliche singen schiefe Ständchen, Schauspieler pöbeln betrunken vor einem Millionenpublikum und zwischendurch schlucken C-Promis eklige Krabbeltiere. Und auch wenn es den Menschen hinter dem Bildschirm nicht peinlich zu seien scheint, in mir zuckt ein Umschaltimpuls, dem ich meistens nachgebe. Das nennt man Fremd-Schämen.

O-Ton: „Also, mir ist selten etwas peinlich, aber ich schäme mich persönlich ganz oft für andere Leute, wenn ich im Urlaub bin und sehe, wie  andere Deutsche im Ausland auftreten. Das ist mir peinlich“.

Autorin: Selbst-Schämen wie Fremdschämen sind Errungenschaften der Zivilisation. Kleinkinder kennen noch keine Scham. Wir lernen erst was peinlich ist und dann wird es so ein mächtiges Gefühl. Es hat Auswirkung auf unsere Atmung, unseren Herzschlag, unsere Körpertemperatur und unserer Denken. Wir sind kurzzeitig verwirrt, fühlen uns minderwertig und hilflos. Die Ursache für dieses Gefühlschaos liegt im Gesehenwerden.

O-Ton: „… und alle starren mich an.“

Autorin: Peinlich ist nicht das Nasebohren, peinlich wird es erst durch den Blick der anderen. Als Bloßgestellter werde ich als der gesehen, der ich bin, aber nicht sein möchte.

Die Folgen der Beschämung können sogar blutig enden. Belege dafür lassen sich in der Geschichte zur Genüge finden. Nach der Vertreibung der Menschen aus dem Paradies opfern Kain und Abel, um Gott gnädig zu stimmen. Aber Gott nimmt nur das Opfer Abels an. Kains Gaben würdigt er keines Blickes.

Einspieler: Dramatische Musik

Diese Zurückweisung ist furchtbar für den Älteren. Er wird ohne Grund abgelehnt. Kain konnte an der Ausgangssituation nichts mehr ändern, und eben darum empfand er abgrundtiefe Hilflosigkeit und war im Innersten getroffen. Der Beschämte sieht nur noch einen Ausweg: das Auslöschen des Zeugens seiner Beschämung, den Brudermord. Ein Extremfall der anschaulich beschreibt, welche Zerstörkraft das Gefühl der Scham schlimmstenfalls bei uns auslösen kann.

Um uns nicht in diesem Gefühl zu verlieren, können wir uns daran erinnern, dass kein Versagen, kein noch so peinliches Handeln uns von Gott trennen kann. Wenn wir uns wegen einer blöden oder sogar bösen Sache schämen, bleiben wir trotzdem liebenswert und behütet.  Glauben wir mehr an seine Beschützerkraft  als an unsere Zerstörkraft!
Und dieses gute Gefühl der Geborgenheit sollten wir auch an unsere Freunde, Nachbarn und Kollegen weitergeben, in dem wir sie davor beschützen,  sich schämen zu müssen.  Zerren wir nicht ans Licht, was nur unter Ausschluss der Öffentlichkeit erträglich ist. Tragen wir nicht mit Worten oder Blicken dazu bei, dass die anderen entblößt. Helfen wir einander, das Gesicht zu wahren. Dazu dient jeder aufmunternder Blick, jedes gute Wort oder kleine Gesten in heiklen Situationen: es sind Winke des Himmels - zeigen wir sie.

Audiobeitrag Ist das peinlich!


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