Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

04.05.12; Bernd Tiggemann

Reinen Tisch machen

Als ich noch ein Kind war, vielleicht neun oder zehn Jahre alt, da habe ich meinen Onkel verarscht. Aber so richtig. Meine Tante war mit ihren Kindern zu Besuch da.

Mein Onkel musste arbeiten und kam erst mittags, um seine Familie abzuholen. Das passte mir gar nicht, weil ich mit meinen Cousins spielen wollte. Also sagte ich ihm draußen vor der Tür, dass seine Familie schon mit dem Taxi nach Hause gefahren sei.

Mein Onkel fuhr also alleine nach Hause und wir Kinder spielten weiter. Bis meine Tante fragte, ob ihr Mann noch gar nicht da sei. Da flog der ganze Schwindel auf und ich musste zugeben, dass ich ihn verarscht hatte. Er war damals ziemlich sauer. Klar, ich habe mich bei ihm entschuldigt. Aber gesprochen haben wir nie wieder über den Vorfall. Aber bei mir ist da ein schlechtes Gewissen geblieben.

Jetzt liegt mein Onkel im Sterben. Ich sitze stumm an seinem Bett. Höre auf das Piepen der Geräte. Was sagt man einem Sterbenden?  "Weißt du noch", fange ich an, "damals als ich dich als Kind angelogen habe?"

Endlich ist der Satz raus. "Nee, weiß ich nicht." Mein Onkel schaut mich fragend an.  Ich erzähle ihm, was damals passiert ist.  Er ist amüsiert: "Das ist schon in Ordnung. Ich hab da nie wieder drüber nachgedacht!" Die Sache war für ihn längst erledigt.  Aber seit heute ist es wieder eine kostbare Erinnerung für uns beide. Es war gut  reinen Tisch zu machen.

Sprecherin: Alexa Christ

Audiobeitrag Reinen Tisch machen


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